NOVEMBERREVOLUTION 1918

Abbildung: Petra Gerschner, /imagine, 2018

Eine andere Welt war möglich

»Alles allen« – Vor 100 Jahren, in den Zeiten der deutschen Novemberrevolution, kam diese Losung auf. Der Ruf nach Sozialisierung schallte im Jahre 1918 millionenfach. Die Vergesellschaftung der großen Industrien sollte der erste gewichtige Schritt hin zu einer tatsächlichen, vor allem auch materiellen Gleichstellung aller Mitglieder der Gesellschaft sein. Die damals regierenden Arbeiter- und Soldatenräte galten als die politische Form, dies gegen die Reichen und Mächtigen durchzusetzen.

HEINZ WEINHAUSEN, REDAKTION KÖLN

Von Kiel am 3. November ausgehend, entstand in fast allen deutschen Städten, Stadtvierteln und vielen Kleinstädten diese direkte Form der Demokratie in Gestalt der Arbeiter- Soldaten- und teils auch Bauernräte. Für einige Wochen und Monate fand ein riesiges Experiment gesellschaftlicher Teilhabe statt. Die dringlichen Ziele waren, den Krieg endlich zu beenden, den Hunger zu besiegen, wie den Drill und die Unterdrückung in den Fabriken und Betrieben zu überwinden. Je heftiger die Repression gewesen, je größer war das Verlangen und der Ruf nach Freiheit und Gerechtigkeit geworden. Vor Ort mussten dann die Mühen der Ebene bewältigt werden, alles mögliche organisiert und verwaltet werden. Beispielsweise wie an Zuckerrüben herankommen, wie das wenige Heizmaterial angemessen verteilen?

Eine andere Welt war möglich, was die einen mit Enthusiasmus anpackten. Die anderen hatten ihre Macht, ihre Privilegien, ihren Reichtum, ihre Polizei und Armee zu verlieren. Und wollten gar weiterhin andere Länder und Völker plündern. »Alles allen«, für diesen Ruf ließen damals in der zusammengeschossenen Revolution Tausende ihr Leben. Verstummt ist er nicht. Heute erklingt er nach wie vor in Bewegungen wie Commonismus, Gemeinsames Eigenes, Peer-to-Peer-Ökonomie, Solidarische Ökonomie, Genossenschaften, Demokratischer Konföderalismus, Politische Kommunen, Klimacamp, Urban Gardening, Bedingungsloses Grundeinkommen u.v.a.

Tagtäglich zeigen Menschen in ihrem persönlichen Umfeld, in Initiativen und Projekten, in Regionen wie in Chiapas und Rojava, dass der solidarische Weg des »alles allen« heute ebenso für die ganze Gesellschaft möglich sein könnte, wie er es vor 100 Jahren war. Aufgewachsen im und umgeben vom Konkurrenzkapitalismus, der alltäglich benachteiligt und ausgrenzt, ist es kein einfacher Weg. Trotzdem gehen ihn viele Menschen unbeirrt.

Die Räterevolution von 1918 ist nicht vorbei. Rio Reiser brachte in einem seiner Songs den Traum der Menschheit auf den Punkt: »Ich bin nicht über Dir, Ich bin nicht unter Dir, Ich bin neben Dir.« Und die, die über uns sind, wissen durchaus, dass sie auf Sand gebaut haben.

In unserem vierseitigen Schwerpunkt können wir nur einige wenige Einblicke in diese große soziale Bewegung geben, die im November 1918 in Deutschland und Österreich so vielfältig und erfolgreich begann. So zeigt Heinz Weinhausen Hintergründe des Jahrhundertaufstandes auf und skizziert die Bewegung in der Reichshauptstadt Berlin. Ulrike Kumpe hat die Beteiligung der Frauen daran untersucht. Die Münchner Räterepublik wird uns von Michael Backhaus vorgestellt. Robert Foltin hat einen kurzen Abriss der Rätebewegung in Wien geschrieben. Die Künstlerin Petra Gerschner hat uns zwei ihrer inspirierenden Werke zur Räterevolution zur Verfügung gestellt. In vielen Städten finden zur Zeit auch Veranstaltungen zum November 1918 statt. Da hilft die Internet-Suchmaschine weiter, einen Überblick zu bekommen. Exemplarisch stellen wir das österreichische Papiertheater »Pannekoeks Katze« vor. Für diejenigen, denen all das hier zusammengestellte Wissen noch nicht genügt - was wir durchaus hoffen - haben wir viele Lesetipps zusammengetragen.

Und nicht vergessen: Viele, viele Menschen haben im Jahrhundert­aufstand von 1918 ihr Bestes gegeben. Nun sind wir an der Reihe. Der Erfolg der massenhaften Hambacher-Forst-Bewegung gegen den mächtigen RWE-Konzern und dessen Parteifreunde lässt hoffen.

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