Raus aus dem Marktgeschehen

In der Region Kassel startet in diesem Jahr das AllmendeLand-Projekt. Contraste hat mit dem Initiator Heinz-Ulrich Eisner über Idee und Ziele des Projekts gesprochen. Er lebt mit seiner Familie in der politischen Kommune »Villa Locomuna« in Kassel, die er ebenfalls mit gegründet hat.

Regine Beyss, Redaktion Kassel

Wie kam es zu der Idee für das »AllmendeLand-Projekt«?

Seit ungefähr zehn Jahren steigen die Preise für Ackerland massiv, weil Vermögende Landbesitz als sichere Anlage entdeckt haben. Fast alle landwirtschaftlichen Betriebe arbeiten zum großen Anteil auf gepachtetem Land, da es ja früher viel mehr Höfe gab. Dadurch kommen öfters Menschen, die ein paar Hektar geerbt haben, die vielleicht noch ihre Großeltern bewirtschaftet haben, auf die Idee, ihren Landbesitz zu versilbern.

Das Problem ist, dass durch die Landpreisentwicklung die Höfe, die das Land jetzt als Pachtland bewirtschaften, oft gar nicht in der Lage sind, das Land selbst zu kaufen. So wird Land aufgekauft von Personen oder Institutionen, die Land nur als Kapitalanlage sehen und dann meistbietend verpachten. In der Folge steigen auch die Pachtpreise auf ein Niveau, das mit Bio-Anbau schwer zu erwirtschaften ist. Wenn dann auf Land, das möglicherweise schon 15 Jahre lang biologisch bewirtschaftet wurde, plötzlich industriell Mais für Biogas mit entsprechendem Dünger- und Gifteinsatz angebaut wird, ist das schon bitter. Und ich rede hier nicht von theoretischen Szenarien; genau das ist kürzlich im Umland von Kassel passiert.

Wir müssen erkennen, dass das nicht ein Problem der Landwirte ist, sondern uns alle betrifft, die gute Lebensmittel aus der Region beziehen wollen. Das AllmendeLand-Projekt will einen Organisationsrahmen schaffen, mit dem wir in solchen Situationen in einer guten Kooperation von Erzeugern und Verbrauchern handlungsfähig sind und das Land durch Erwerb sichern können.

Die Idee, Land der spekulativen Verwertung zu entziehen ist ja nicht neu. Was unterscheidet das AllmendeLand-Konzept von anderen Akteuren in dem Bereich?

Das ist völlig richtig, die Bioboden eG oder die Kulturland eG zum Beispiel sind andere große Projekte mit ganz ähnlicher Zielrichtung. Wir haben auch intensiv überlegt, ob es sinnvoll ist, hier das Rad nochmal neu zu erfinden. Wir haben uns jedoch dafür entschieden, weil wir an einem zentralen Punkt einen anderen Ansatz gewählt haben. Im Unterschied zu einer rein genossenschaftlichen Konstruktion erwerben die Menschen beim AllmendeLand-Projekt keine Genossenschaftsanteile, sondern werden direkt Anteilseigner am gekauften Land. Dadurch werden Risiken ganz anders gewichtet.

Was bedeutet das konkret?

Wenn ich Genossenschaftsanteile erwerbe, habe ich eine geldwerte Forderung gegen die Genossenschaft. Das heißt konkret, wenn ich heute 5000 Euro investiere, weiß ich genau, dass ich in 15 Jahren, wenn ich die Anteile möglicherweise kündige, weil ich im Alter Geld benötige, auch 5000 Euro wieder bekomme. Was ich nicht weiß, ist, was 5000 Euro dann wert sind; das wird voraussichtlich etwas weniger sein, abhängig von der zwischenzeitlichen Inflationsrate. Wenn ich Pech habe, kann das aber auch drastisch weniger sein. Der Kapitalgeber trägt hier also das Währungsrisiko.

Beim AllmendeLand-Projekt erwerben die Kapitalgeber Aktien, die sie später wieder veräußern können. Hier liegt also das Risko darin, dass sich dann jemand findet, der mir die Aktien für einen angemessenen Preis abnimmt. Wie diese Risiken im Vergleich zu bewerten sind, da kann man durchaus unterschiedlicher Meinung sein. Für das Projekt selbst liegt bei einer rein genossenschaftlichen Konstruktion das Risiko darin, dass die Anteile gekündigt werden können; im schlimmsten Fall, falls viele Mitglieder gleichzeitig Anteile kündigen, kann die Genossenschaft gezwungen sein, Land zu verkaufen, um die Auszahlung zu gewährleisten. Das kann beim AllmendeLand-Projekt nicht geschehen, da die Aktien keine Forderung gegen den Herausgeber darstellen.

Eine eG & Co KGaA ist eine ungewöhnliche Konstruktion. Was bedeutet das im Einzelnen?

Eine Kommanditgesellschaft besteht immer aus einem Komplementär, der vor dem »&« steht, in unserem Fall also der Genossenschaft, und den Kommanditisten. Entscheidend ist dabei, dass die Komplementärin die Geschäfte führt. Die Kommanditisten stellen Kapital zur Verfügung und werden an den Ergebnissen beteiligt, haben jedoch kein Mitspracherecht bei der Geschäftsführung. Beim AllmendeLand-Projekt können also alle, denen es ein Anliegen ist, sich auch auf der Eigentumsebene für eine Agrarwende zu engagieren, Mitglied werden: ein Genossenschaftsanteil kostet auch nur 50 Euro; die Genossenschaft ist daher eher ideell geprägt. Das Kapital wird in der KG gesammelt, in unserem Fall in der Form von Aktien, um eine kleinteilige Stückelung zu ermöglichen, die später auch gut weiter gegeben werden kann. Eine Aktie wird bei der Erstemission voraussichtlich 2 Euro kosten.

Ist denn eine Dividende zu erwarten?

In Gesprächen mit der BaFin (Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht) wurde deutlich, dass eine jährliche Dividende enorm teure aufsichtsrechtliche Konsequenzen hätte. Daher haben wir in der Satzung eine Dividende ausgeschlossen und festgelegt, dass etwaige Überschüsse wieder zum Landkauf genutzt werden. Dadurch könnte sich also der Aktienwert erhöhen, was erst bei einem Verkauf realisiert würde.

Und wie ist der aktuelle Projektstand?

Die AllmendeLand eG wurde am 21. April gegründet; derzeit laufen die Eintragungsformalitäten. Die Gründung der Kommanditgesellschaft ist für den Ende Juni terminiert; der erste Landkauf wird voraussichtlich im Sommer erfolgen. Aktuell gibt es auf jeden Fall noch die Möglichkeit, sich zu beteiligen. Perspektivisch hoffen wir, dass möglichst zeitnah weitere Landkäufe folgen, da so eine komplexe Konstruktion nur sinnvoll ist, wenn sie auch in größerem Rahmen genutzt wird; sonst wäre sie zu kostenaufwändig. Tatsächlich liegt uns sogar schon eine weitere Anfrage, Land zu kaufen, vor.

Die Ziele des AllmendeLand-Projektes

  1. Land soll aus dem Marktgeschehen herausgekauft, langfristig gesichert und für ökologischen Landbau zur Verfügung gestellt werden.
  2. Für die Menschen, die hierfür Geld zur Verfügung stellen, soll es einfach möglich sein, ihre Anlage später wieder zu veräußern.
  3. Es soll möglichst vielen Menschen ermöglicht werden, sich an dem Landerwerb zu beteiligen.
  4. Die Entscheidungsgewalt über das Allmendeland soll nicht an den Kapitalbesitz gebunden sein, sondern gleichberechtigt bei den Menschen liegen, die existentiell – als Verbraucher oder Erzeuger – auf dieses Land angewiesen sind.

Um diese Ziele zu erreichen, wird eine Gesellschaft in Form einer eG & Co KGaA aufgesetzt. Die Genossenschaft wurde am 21. April 2018 gegründet und befindet sich im Eintragungsprozess, die Gründungssitzung der KG ist für Ende Juni anberaumt. Der erste Landkauf wird im Sommer 2018 stattfinden. Weitere Informationen unter: www.allmendeland.de

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