Das vertikale Dorf Hulsberg

Crowdfunding-Aktion für das Bremer Projekt »Bettenhaus«

Mit einer Crowdfundingkampagne möchte die StadtteilGenossenschaft Hulsberg eG aus Bremen ihr Projekt des Umbaus des ehemaligen Bettenhauses des Klinikums Mitte voranbringen. Um das soziale, genossenschaftliche Projekt zu verwirklichen, bedarf es Überzeugungsarbeit gegenüber den Entscheidungsträgern der Stadt Bremen. Deshalb wollen sie eine Machbarkeitsstudie in Auftrag geben.

Peter Bargfrede, Bremen

In der östlichen Vorstadt, einem begehrten innenstadtnahen Stadtteil in Bremen, wird das Klinikum Bremen-Mitte, das größte Krankenhaus in der Hansestadt, größtenteils neu gebaut. Durch die kompakte Bauweise des neuen Klinikums wird eine knapp 14 ha große Fläche frei. Diese Fläche soll zu einem neuen städtischen Quartier umgebaut werden. Die Finanzierung der umgebauten beziehungsweise neu errichteten Klinikgebäude soll zum Teil durch den Verkauf der frei werdenden, im kommunalen Besitz befindlichen Klinikflächen gedeckt werden. Die Stadt Bremen möchte durch den Verkauf der Grundstücke und Bestandsgebäude in attraktiver Lage insgesamt über 54 Millionen Euro einnehmen.

Soziale Rendite statt Profite

Im Rahmen eines breit angelegten Bürgerbeteiligungsprozesses bestand Einigkeit darin, dass im neuen Wohnquartier trotz des Verwertungsinteresses der Stadt eine soziale Mischung der Bewohner angestrebt werden sollte. So wurde auf Druck von Initiativen und dem zuständigen Ortsbeirat beschlossen, dass 30 Prozent der Wohnungen der Sozialbindung unterliegen sollen. Trotzdem befürchten viele Akteure der Bürgerbeteiligung, dass aufgrund des Interesses der Stadt an möglichst hohen Verkaufserlösen, die meisten Grundstücke an private Investoren verkauft werden, um dort Wohnungen zu errichten, die sich Gering- und Normalverdiener nicht leisten können.

Um zu verhindern, dass durch diese Erlöserwartungen der Stadt bevorzugt kapitalstarke Investoren zum Zuge kommen und so vorrangig Wohnungen für ›Betuchte‹ entstehen, wurde am 3. März 2016 von 30 Personen die StadtteilGenossenschaft Hulsberg eG (SGH) gegründet. Sie hat heute mehr als 100 Mitglieder, sozial gemischt, generationsübergreifend und engagiert. Die Genossenschaft will im neuen Wohnquartier insbesondere die Belange wohnungssuchender Gering- und Normalverdiener, älterer und allein erziehender Menschen, von Familien mit Kindern, pflegebedürftiger Personen, Wohnungsloser und von Flüchtlingen fördern.

Sie möchte als erstes Projekt das größte Bestandsgebäude der Klinik, das neunstöckige »Bettenhaus«, vor dem geplanten Abriss bewahren und dort ein innovatives Wohnprojekt realisieren, das bezahlbaren Wohnraum für sozial gemischte, nachbarschaftliche und gemeinschaftliche Wohnformen schaffen soll. Der genossenschaftliche Wohnraum sichert den Mitgliedern ein dauerhaftes Wohnrecht und die Spekulation mit Grund und Boden wird verhindert. Die Genossenschaft will mit ihrem Projekt auch Segregationsprozessen entgegenwirken, die mit der zunehmenden Wohnungsknappheit und steigenden Mieten einhergehen. Sie möchte nicht, dass sich Lebenswelten von­ein­ander separieren und abgeschottete Subsysteme in der Stadt entstehen.

Das »Bettenhaus« - ein vertikales Dorf

Dagegen setzt die SGH beispielhaft das Konzept einer sozial durchmischten Nachbarschaft im neunstöckigen Bettenhaus, einem »vertikalen Dorf«, das sich auf genossenschaftlicher Basis selbst organisieren soll. In dem Gebäude, das jetzt noch als Krankenstation genutzt wird, könnte diese Vision Realität werden. Hier sollen nach dem Umbau Menschen mit unterschiedlichen Lebensstilen, sozia­ler und geographischer Herkunft, körperlicher oder wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit ihre wohnlichen und nachbarschaftlichen Belange selbstverwaltet regeln.

Das Bettenhaus auf dem Gelände des zukünftigen Wohnquartiers bietet für die Realisierung eines solchen Konzepts die besten Bedingungen. Es verfügt über reichlich potentielle Wohnfläche (ca. 13.000 qm BGF) für die unterschiedlichsten Wohnbedürfnisse. Die Bausubstanz ist solide und die Skelettbauweise des Gebäudes umbaufreundlich, da es nur wenige tragende Wände gibt. Das Bettenhaus ist größtenteils barrierefrei und hat fünf Fahrstühle,  die auch bequem mit Rollstühlen befahrbar sind.

Nach einer Überprüfung der baulichen Rahmenbedingungen haben die Architekten der Genossenschaft eine Raumplanung entworfen, die versucht, eine Balance zwischen den unterschiedlichen Nutzungsanforderungen und den konzeptionellen Vorstellungen der SGH einerseits und einem möglichst geringen Umbauaufwand andererseits herzustellen, um so die Baukosten möglichst gering zu halten. Das Nutzungskonzept sieht 70 - 90 Wohnungen für kleine, mittlere und größere Haushalte vor, wie Einzelappartements, innovative Cluster-Wohnungen, gemeinschaftliches Mehrgenerationswohnen, große Wohnungen für kinderreiche Familien, temporäres Wohnen (z. B. für Geflüchtete), Senioren-, Pflege- oder Behindertenwohnungen.

Es sollen frei finanzierte Wohnungen ebenso entstehen, wie geförderte Wohnungen, deren Anteil soll etwa 40 Prozent betragen. Wichtig für das Zusammenleben im »vertikalen Dorf« sind mehrere Gemeinschaftsräume: für eine Bibliothek, ein Dorf-Kino, ein Musikübungsraum oder ein Raum für Veranstaltungen und zum Feiern. Auf zwei Etagen und im Erdgeschoss sind gewerbliche Nutzungen vorgesehen, die sich in das sozial orientierte Nutzungskonzept einfügen. Die Bremer Heimstiftung, der größte Bremer Träger für Altenpflege und Service-Wohnen, will auf einer Etage eine Kurzzeitpflegestation einrichten und im Erdgeschoss eine Tagespflege anbieten. Der Verein für Innere Mission möchte ein Nachbarschaftscafé mit Inklusionscharakter betreiben und die Vermittlung von Wohnungen für Menschen mit Unterstützungsbedarf fördern. Außerdem soll im Erdgeschoss ein Quartiersverein und ein genossenschaftlicher Lebensmittelladen untergebracht werden. Die SGH erhält aus der Stadtgesellschaft viel Lob und große Unterstützung für Ihr Vorhaben, ist es doch die erste Neugründung einer Wohnungsgenossenschaft in Bremen seit über 25 Jahren.

Umbau statt Abriss

Das größte Hindernis bei der Realisierung des Projekts ist die noch ausstehende Entscheidung der politischen Gremien darüber, ob das Bettenhaus erhalten bleibt oder abgerissen wird. Die von der Stadt Bremen für die Vermarktung der Grundstücke gegründete Gesellschaft (GEG) möchte das Bettenhaus gerne zugunsten eines großen Klinikparkhauses abreißen. Sie bezweifelt, dass der Umbau des Gebäudes technisch und finanziell machbar ist und plädiert stattdessen für eine Mantelbebauung des Parkhauses mit Sozialwohnungen. Die SGH argumentiert dagegen, dass nach ersten Kostenberechnungen ein Umbau des Bettenhauses nicht nur günstiger als ein genossenschaftlicher Neubau wäre, sondern auch aus ökologischen Gründen (Erhalt der »Grauen Energie«) sinnvoll ist. Auch die anfängliche Behauptung der GEG, dass ein Nebeneinander von Parkhaus und Bettenhaus aus technischen Gründen (wie Brandschutz und Statik) nicht möglich wäre, konnte von den Architekten der SGH zwischenzeitlich widerlegt werden.

Crowdfunding

Um sicher zu gehen, dass ein Umbau des Bestandsgebäudes auf Basis der selbst formulierten Ziele und der externen Rahmenbedingungen möglich ist, erstellt die StadtteilGenossenschaft Hulsberg eG gegenwärtig mit Unterstützung eines erfahrenen Finanzberaters eine Machbarkeitsstudie für das Bettenhausprojekt. Da hierfür erhebliche finanzielle Mittel benötigt werden, hat die SGH am 1. Januar 2018 eine Crowdfunding-Aktion gestartet mit dem Ziel, bis zum 15. Februar in einer ersten Stufe 6.000 Euro zu sammeln. Ist die Aktion erfolgreich, soll in einer zweiten Phase bis zum 30. April 15.000 Euro zusammenkommen, damit das Finanzierungskonzept und die Wirtschaftlichkeitsberechnung weiterentwickelt werden können. Die Mitglieder der Genossenschaft hoffen nun, dass möglichst viele Menschen bereit sind, ihr »Leuchtturmprojekt« mittels der Crowdfunding-Aktion zu unterstützen.

Spenden: www.startnext.com/vertikales-dorf

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