Besetzung: Code Rood

Unter dem Namen ›Code Rood‹ – Alarmstufe Rot – haben rund 300 Aktivist_innen einen Steinkohle-Umschlagplatz im Amsterdamer Hafen besetzt. Es war die erste Massenaktion zivilen Ungehorsams gegen die fossile Industrie in den Niederlanden. Der Betrieb lag den ganzen Tag still.

Evelyn Blum, Berlin

Bis zum Horizont sind schwarze Berge zu sehen. Dazwischen ein Fließband auf einem blauen Gestell. Wer es mit seinen Augen bis zum Ende verfolgt, sieht ein Windrad über die Bergrücken hinausragen. Ein hoffnungsvolles Zeichen in einer Welt aus Steinkohle. Auch hoffnungsvoll sind die Menschen in weißen Staubanzügen, die sich wie Engel zwischen den Bergen und auf den schwarzen Flächen verteilt haben. Sie spielen Frisbee, tanzen zu der Musik einer Samba-Band und klettern auf die blauen Verladekräne.

Die Menschen in den weißen Anzügen gehören zu Code Rood, einer Gruppe Klima-Aktivist_innen, die sich im letzten Jahr in den Niederlanden zusammengefunden hat. Ein paar Stunden vorher sind sie in einer langen Demonstration vom nahegelegenen Klimacamp im Amsterdamer Hafen zum Verladeplatz gelaufen. Sie singen Lieder und rufen Slogans, aber die Spannung ist spürbar. An einer langen Straße biegt die Gruppe plötzlich nach links ab und verschwindet durch ein Loch im Zaun des Kohle-Umschlagplatzes. Zwischen den Bäumen hindurch sind die Kohleberge und Verladekräne schon zu sehen.

»Ich fand es sehr spannend«, sagt die Teilnehmerin Fleur. Für die junge Frau mit braunen Haaren war es das erste Mal, dass sie an einer Aktion zivilen Ungehorsams beteiligt war. »Aber es war halb so schlimm. Wir mussten nur einen Wassergraben überqueren und schon waren wir drin. Die Sicherheitsleute haben uns sogar geholfen«, sagt sie. Die Polizei war nicht zu sehen. Die Aktivist_innen wurden aber vom Umschlagplatz aus mit Wasser besprüht – vermutlich aus dem Graben.

Inspiriert von Ende Gelände

Wie die weißen Anzüge zeigen, ist die Aktion von Code Rood deutlich inspiriert von Ende Gelände in Deutschland. Die Niederländer haben rote Streifen auf die Ärmel und Hosenbeinen geklebt und das Logo von Code Rood – ein Wirbel aus roten Linien – auf den Rücken gesprüht. Wie die Besetzungen der Braunkohletagebaue im Rheinland und in der Lausitz richtet sich auch diese Aktion direkt gegen die fossile Industrie.

Der 24. Juni ist nicht zufällig als Aktionstag gewählt. Genau zwei Jahre vorher urteilte das Landgericht in Den Haag im Fall der Bürgerbewegung Urgenda, dass der niederländische Staat nicht genug gegen den Klimawandel macht. In dem einzigartigen Urteil hat der Richter dem Staat aufgetragen, den CO2-Ausstoß zu verringern.

Da das nicht passiert, nehmen die Teilnehmenden an Code Rood den Klimaschutz jetzt selbst in die Hand. »In den Niederlanden gibt es diese Form von Aktivismus nicht oft. Die herrschende Meinung ist eher, dass demonstrieren keinen Sinn hat«, sagt Angelique, die zwar niederländisch ist, aber in Berlin lebt und für die Aktion nach Amsterdam gereist ist. Sie ist nicht alleine: Ende Gelände hat ungefähr vierzig Menschen mobilisiert, die per Bus in die niederländische Hauptstadt gefahren sind. Umgekehrt waren letztes Jahr in der Lausitz auch um die einhundert Niederländer mit dabei.

Im Klimacamp haben die Aktivist_innen sich mit Trainings und Workshops auf die Aktion vorbereitet. Die Aktionsküche Rampenplan hält drei Mal am Tag veganes Essen bereit. Es gibt eine Bar, und abends spielen Livebands.

Neue Klimabewegung

Neben Fleur sind mehrere Aktivist_innen zum ersten Mal mit dabei. Florian hat es sich auf einem der Kräne gemütlich gemacht. Von hier aus hat er eine schöne Aussicht über die schwarzen Berge und die Wege, die LKWs dazwischen ausgeschliffen haben. »Es hat sich gleichzeitig sehr kraftvoll und sehr verletzlich angefühlt«, sagt er. »Man blockiert die fossile Industrie mit nichts als seinem Körper, das macht verletzlich. Gleichzeitig macht man das zusammen mit all diesen Menschen, das gibt ein sehr starkes Gefühl.«

Charlotte beschäftigt sich schon länger mit dem Klimawandel. »Ich habe zuerst meinen Konsum geändert, aber schon bald habe ich gemerkt, dass das nicht genug bringt«, sagt sie. Auch sie kam letztlich über ein Klimacamp in Deutschland zum zivilen Ungehorsam. »Ich denke, dass diese Aktion der Anfang einer viel größeren Bewegung ist, die sich jetzt in den Niederlanden bildet«, sagt sie.

Blutkohle

Wie dreckig genau die Steinkohle ist, erfährt man erst, wenn man sie sieht, findet Charlotte. Die Aktivist_innen erfahren es auch am eigenen Leibe: Die Berge sind so hoch, dass man oben auf den Verladekränen trotz der einigermaßen sommerlichen Temperatur friert. Trotzdem weiß im Stadtzentrum – mit dem Fahrrad nur zwanzig Minuten entfernt – kaum jemand, was sich im Hafen befindet.

Auch wissen sie nicht, dass die Steinkohle in Amsterdam zum Teil aus der Kohleregion Cesar in Kolumbien kommt, wo zwischen 1996 und 2006 tausend Menschen ermordet und zehntausende vertrieben wurden.

Die Kohle wirkt sich außerdem negativ auf die Gesundheit der Anwohnenden aus. In der Kleinstadt Zaandam, an der anderen Seite des Nordseekanals, an dem der Hafen liegt, leiden viele Menschen unter Asthma. Der Amsterdamer Hafen ist der zweitgrößte Kohlehafen und der größte Benzinhafen Europas. Der größte Kohlehafen ist in Rotterdam.

Choi und Ruud haben es sich auf einem der Kräne gemütlich gemacht. Sie sitzen im Windschatten auf einer Plattform zwischen den Leitern nach oben. Sie haben Rettungsdecken über ihren Beinen. Ruud liest ein Buch mit dem Titel: Ich lehne mich auf, also bin ich. »Ich sitze hier gut«, sagt er mit einem Grinsen. »Die Aussicht ist einfach super.« Mit einem ernsthaften Gesicht fügt er hinzu: »Ich hoffe, dass die Leute sehen, dass Betriebe wie dieser das Bindeglied zur fossilen Industrie sind.« Choi fügt hinzu: »Es ist gemütlich, aber wir sitzen hier natürlich für einen guten Zweck. Hoffentlich setzen wir eine Bewegung in Gang, die sich gegen diese Industrie wendet.«

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