Fisch, Oliven und mehr

 

Zweimal war Filippos Polatsidis von der Selbsthilfeinitiative Pervolarides im letzten Jahr in Deutschland. In verschiedenen Städten berichtete er über das Projekt, unter anderem im September in der Nachbarschaftsakademie der Berliner Prinzessinnengärten, bei einem Workshop der SoliOli-Kampagne im Rahmen der Wandelwoche. Teilnehmer*innen einer Solidaritätsreise nach Griechenland, über die in den letzten beiden Ausgaben von Contraste berichtet wurde, trafen Filippos und seine Mitstreiter*innen in Thessaloniki.

ELISABETH VOSS, BERLIN

Aus einer Initiative von Erwerbslosen, die in der Nähe von Thessaloniki auf verlassenen Grundstücken Oliven erntet, und daraus Öl herstellt, entstanden »Die Gärtner«, auf griechisch: Pervolarides. Es ist eine von unzähligen Basisinitiativen in Griechenland, in denen sich Menschen zusammen finden, denen eine entwürdigende Sparpolitik immer mehr Lebensgrundlagen entzieht, und die mit ihrem autonomen gemeinschaftlichen Handeln versuchen, dem Leiden etwas entgegen zu setzen. Sehr offen erzählt Filippos, wie demütigend es ist, als Erwachsener mit seinem Kind wieder zu seinen Eltern ziehen zu müssen, und sich von ihnen durchfüttern zu lassen, weil er als Erwerbsloser über keinerlei Einkommen verfügt. Neben der materiellen Not ist auch die Perspektivlosigkeit und Untätigkeit ein schleichendes Gift. Daher versucht Pervolarides auch einen Rahmen zu geben, in dem sich Ausgegrenzte engagieren und ihr Leben gemeinsam mit anderen selbst gestalten können.

Filippos Polatsidis hat bereits verschiedene Kampagnen verantwortet, zum Beispiel zur Unterstützung der Menschen im kurdischen Rojava in Syrien mit Lebensmitteln und Medikamenten, und zur Sammlung von Schulmaterialien für Kinder aus armen Familien in Griechenland. Er war einer der Initiatoren der No-Middleman-Bewegung in Thessaloniki, die Lebensmittel ohne Zwischenhändler verteilt hat, bis dies 2012 verboten wurde. Filippos betont, dass es bei Pervolarides sowohl um die Feuerwehrfunktion der Nothilfe geht, als auch darum, etwas Neues zu schaffen. Neben der materiellen Selbstversorgung ist es wichtig zu lernen, miteinander zu kooperieren, nicht nur körperlich zu überleben, sondern auch für Geist und Seele zu sorgen, und neue solidarökonomische Strukturen aufzubauen.

Selbsthilfe und Ermutigung

Diese neuen Solidarstrukturen basieren auf sozialen Beziehungen, in die alle Beteiligten ihre Mittel und Möglichkeiten einbringen: Räume, Betriebsmittel und Wissen, alles wird miteinander geteilt. So gab es ein Grundstück an Stadtrand, auf dem die Gruppe Gemüse anbauen konnte, mit einem Keller für Geräte, als Lagerraum, und als Verteilstelle für Lebensmittel. Zweimal in der Woche wurde für zehn Familien Essen gekocht. Ein Gruppenmitglied hält Schafe und Ziegen und zeigte den anderen, wie sie Joghurt und Käse herstellen können. Filippos hat ein paar Bienenstöcke und bringt anderen das Imkern bei.

Durch die Olivenernte außerhalb der Stadt entwickeln sich auch neue Beziehungen zur Landbevölkerung. Das gegenseitige Misstrauen wird nach und nach abgebaut, wenn die Bilder im Kopf – zum Beispiel »die leben nur von Subventionen« oder »die sitzen nur am Schreibtisch rum« – ersetzt werden durch reale zwischenmenschliche Beziehungen und gegenseitige Unterstützung.

Der aktive Kern von Pervolarides sind fünf bis sieben Leute, die mehr oder weniger kontinuierlich etwa 50 Familien versorgen. Von einem Großmarkt können sie Obst und Gemüse in beliebigen Mengen abholen. Von Fischern bekommen sie den Fang, der unverkäuflich, aber noch gut essbar ist. Lebensmittel sind ausreichend vorhanden, das Problem ist die Logistik. Filippos erzählt, dass er nachts um halb zwei Bescheid sagen muss, wenn sie morgens um fünf Uhr den Fisch abholen möchten. Danach muss es sehr schnell gehen, denn Fisch verdirbt in der Hitze und muss gleich verteilt werden. Das bedeutet: Ein Auto organisieren und ausreichend Leute dabei haben, die den Fisch ausladen, in den Keller bringen, portionieren und an die Nachbar*innen verteilen. Auch die selbstverwaltete Fabrik Vio.Me wird von Pervolarides mit Fisch versorgt. Im Tausch dafür bekommt die Initiative Seife und Reinigungsmittel. So versuchen sie nach und nach, immer mehr direkte, geldfreie Austauschbeziehungen aufzubauen.

Wenn es viel Obst gibt, kann Marmelade eingekocht werden. Dafür wird im Keller eine Produktionsstraße eingerichtet, mit verschiedenen Arbeitsplätzen, vom Waschen über das Schneiden und Kochen bis zum Abfüllen. Auf ähnliche Art wird auch Tomatensauce hergestellt. Die Arbeitsteilung scheint noch entlang der klassischen Geschlechterrollen stattzufinden: Die Männer gehen zur Olivenernte, die Frauen stehen in der Küche. Das gemeinsame Tun beugt depressivem Rückzug vor und leistet einen Beitrag zur Selbstversorgung. Was die Beteiligten nicht für sich benötigen, geben sie Flüchtlingen, die in Lagern außerhalb der Stadt leben müssen. Mitunter gelingt es auch, Geflüchtete in die Selbsthilfe-Aktivitäten direkt einzubeziehen.

Pervolarides bemüht sich um breite Vernetzung und Zusammenarbeit mit anderen Initiativen, und kooperiert unter anderem mit der Gruppe »Teachers of Solidarity«. Diese organisiert in Flüchtlingslagern Unterricht und Freizeitgestaltung für Kinder. Darüber hinaus stellt sie einige Häuser mietfrei für Flüchtlinge zur Verfügung, die von Pervolarides mit Lebensmitteln versorgt werden.

Die Gärtner*innen von Thessaloniki gärtnern nicht mehr

Im Herbst und Winter 2016 hat Pervolarides einige Rückschläge erlitten. Besonders bitter war der Verlust ihres Gartengrundstücks und des damit verbundenen Kellerraumes. Beides war im privaten Besitz eines Mitglieds der Gruppe. Als es aus persönlichen Gründen zur Trennung kam, stand Pervolarides ohne alles da. Die Gärtner von Thessaloniki gärtnern seitdem nicht mehr. Da dem Kellerbesitzer auch die Ziegen und Schafe gehören, verschwanden auch die Milchprodukte aus dem Solidarkreislauf.

Für die Olivenernte hatte die Gruppe aus Spendengeldern ein neues Erntegerät angeschafft, und das ältere reparieren lassen. Als sie im November herausfuhren auf die Felder, mussten sie feststellen, dass die Olivenbäume erkrankt waren und keine Früchte trugen. So waren auch die Fahrtkosten vergeblich aufgewendet worden. Und als sei das noch nicht genug, hatte Filippos auch noch einen Unfall mit einem geliehenen LKW, als er seine Bienenstöcke an einen wärmeren Platz bringen wollte. Glücklicherweise entstand nur Blechschaden, der zwar kostenaufwändig ist, aber Menschen kamen nicht zu Schaden, Filippos kam mit ein paar Prellungen davon.

Es geht wieder aufwärts

Zum Jahresende zeichnete sich eine Wende zum Besseren ab und Filippos schaut optimistisch in die Zukunft. Er hat einen befristeten Job in einer Flüchtlingshilfe-Organisation bekommen, wodurch ihm nun zwar Zeit für Pervolarides fehlt, aber wenigstens hat er endlich wieder ein Einkommen. Bisher ist er der Koordinator und Hauptverantwortliche der Gruppe. Nun werden andere sich stärker einbringen müssen.

Pervolarides hat einen neuen, besser geeigneten Kellerraum gefunden für 100 Euro Miete im Monat. Sie haben ihn renoviert, Wasser und Elektrizität angeschlossen und können nun wieder Lebensmittel verteilen und Obst und Gemüse verarbeiten. Filippos hat begonnen, mit drei weiteren Mitstreitern (bisher ausschließlich Männer) eine Imkerei-Kooperative aufzubauen. Den beiden, die selbst keine Bienenkörbe haben, hat Filippos einige von seinen abgegeben. Sie wollen voneinander lernen, ihr Wissen und ihr zukünftiges Einkommen teilen, denn neben der Selbstversorgung möchten sie auch Honig gegen andere Produkte tauschen oder lokal verkaufen. Die Gruppe ist offen für weitere Mitglieder, und wünscht sich auch internationale Kontakte, Austausch und Unterstützung.

Nicht Charity, sondern Solidarität

Schon bisher ist Pervolarides auf Unterstützung aus Deutschland angewiesen. Von den ersten Spenden wurde ein Gerät zur Erleichterung der Olivenernte angeschafft. Die Miete für den Keller kann nur bezahlt werden, so lange gespendet wird. Daher ist es eine große Hilfe, dass ein Teil der Überschüsse aus der SoliOli-Kampagne an Pervolarides überwiesen wurde.

Die Aktivist*innen bemühen sich nach Kräften, sich gegenseitig zu unterstützen. So gehört zum Kreis der beteiligten Familien zum Beispiel eine 60jährige Frau mit ihrer 27jährigen Tochter. Die junge Medizinstudentin hat Diabetes und braucht einen Kühlschrank, um ihr Insulin aufzubewahren. Von ihrer schmalen Krankenunterstützung und dem sehr geringen Einkommen der Mutter als Schneiderin – zusammen gerade mal 400 Euro im Monat – konnten die beiden jedoch ihren Strom nicht bezahlen, so dass er abgestellt wurde, und Schulden von 2.500 Euro aufgelaufen sind. Die Gruppe sammelte Geld, ließ den Strom wieder anstellen, organisiert Insulin und Lebensmittel für die notwendige Diät. Jedoch reicht es von vorne bis hinten nicht, und es sind weiterhin erhebliche Schulden gegenüber dem Stromversorger offen. Daher bittet Pervolarides nun auch für diese Familie um Spenden aus Deutschland.

Auch die »Teachers of Solidarity« brauchen Geld für die Strom- und Wasserrechnungen für die Häuser, die sie Flüchtlingen zur Verfügung stellen. Im Moment betrifft das drei Familien aus Syrien, und es kam die Frage auf, ob sich in Deutschland Leute finden ließen, die jeweils eine dieser Familien »adoptieren« und ihre Rechnungen bezahlen. Vielleicht könnte das auch ein Modell zur Unterstützung der beiden Frauen sein? Gibt es vielleicht aus dem Kreis der Contraste-Leser*innen Ideen, oder besser noch Menschen, die bereit wären, so etwas zu organisieren, oder sich an einer solchen Unterstützung zu beteiligen?

Bei persönlichen Begegnungen zwischen Aktivist*innen aus Griechenland und Deutschland steht nicht nur der Wunsch nach Solidarität im Raum, sondern gleichzeitig auch die unterschiedlichen Lebenslagen der Beteiligten. Wie kann es gelingen, dass sich aus dem notwendig einseitigen Geldfluss keine hierarchisierenden sozialen Beziehungen ergeben? Die Bitte um Spenden folgt hier nicht der klassischen Charity-Struktur, in der die Positionen von Gebenden und Nehmenden festgeschrieben werden, sondern ist Ausdruck des Versuchs, neben dem unabdingbaren politischen Engagement auch wenigstens einen kleinen materiellen solidarischen Ausgleich zu schaffen. Die Sparpolitik, unter der viele Menschen in Griechenland zu leiden haben, und die wesentlich von der deutschen Bundesregierung verantwortet wird, hat Griechenland zur Kolonie degradiert. Die Beziehungen zwischen Aktivist*innen beider Länder beruhen auf der gemeinsamen Ablehnung dieser Sparpolitik und dem Wunsch, sich gemeinsam für würdige, selbstbestimmte Lebensbedingungen für alle einzusetzen. Trotzdem ist es herausfordernd, angesichts der real existierenden Unterschiede die solidarischen Beziehungen bewusst anti-kolonial zu gestalten.

Geld ist also nicht alles, wer jedoch die Arbeit von Pervolarides unterstützen möchte, kann dies mit einer Spende an den Verein »Respekt für Griechenland« ganz einfach tun.

Links und Infos zu Griechenland sammelt die Autorin unter: http://griechenland.solioeko.de/

Kontakt zu Pervolarides: Filippos Polatsidis fpolatsidis@gmail.com

Spendenkonto:

Respekt für Griechenland

Verwendungszweck: »Fisch, Oliven und mehr«

IBAN: DE42 4306 0967 1175 7746 01

BIC: GENODEM1GLS

GLS Bank

Bei Angabe der Anschrift wird eine Spendenquittung ausgestellt.

Weitere Infos und Kontakt: http://respekt-für-griechenland.de/?p=1251

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