Ein Plädoyer für das Miteinander von Begeisterung und Kritik

Solidarische Ökonomie - ein weites Feld

Die Alternative Ökonomie ist nicht tot, sie schlief nur. Was in den 1970er Jahren begann, in den 80ern erblühte und sich nach der "Wende" 1989 in liebevoll gepflegte Nischen zurückzog, ist wieder da. In diesen Krisenzeiten boomt die Suche nach Alternativen, ähnlich wie vor hundert Jahren. Anders Leben und anders Arbeiten ist angesagt, Do It Yourself, einfach selbst machen: Urbane Gärten und CSA-Betriebe (Community Supported Agriculture), Kommunen, Kollektive, Gemeinschaftsbüros, Umsonstläden usw. Die einen ziehen in selbstverwaltete Hausprojekte, die anderen in Baugemeinschaften - die Teilhabe am Gemeinschaftlichen ist nicht zuletzt auch eine Frage des Geldbeutels. Aber nicht nur das. Viele dieser Alternativen sind deutlich mittelschichtig und weiß geprägt.

Von Elisabeth Voß, Berlin Seit dem "Solidarische Ökonomie"-Kongress 2006 in Berlin wird dieser aus Lateinamerika stammende Begriff auch hierzulande verwendet, mit dem ganz Unterschiedliches gemeint sein kann. Es kommt ja auch weniger auf den Begriff oder das Label an, sondern auf den Inhalt. Ob Solidarische Ökonomie, Genossenschaften, Commons - es geht um gemeinschaftliches Wirtschaften. Menschen tun sich zusammen, entscheiden gemeinsam, geben sich eigene Regeln, organisieren die Finanzierung ihres Vorhabens und versorgen sich selbst oder gehen gemeinsam an den Markt. Solche wirtschaftliche Selbsthilfe nach dem Motto peoples before profits kann gelingen, wenn die Gemeinschaft einen guten Weg des Miteinander findet und eine für sie passende Kultur der Kommunikation entwickelt.

Soziale Kämpfe um Ressourcen

Jedoch ist solche Selbstorganisierung in einer zunehmend entsolidarisierten Welt nicht konfliktfrei. In Argentinien wurden seit der Krise vor etwa 15 Jahren eine Reihe von Fabriken besetzt, von denen viele noch heute in Selbstverwaltung betrieben werden, mit allen Freuden und Leiden, die dieser ökonomische und soziale Prozess mit sich bringt. In Brasilien werden Genossenschaftsgründungen von einem Netzwerk von Caritas, Universitäten, staatlichen und nichtstaatlichen Institutionen unterstützt, um Hunger und Armut zu überwinden. Es gibt sogar ein Staatssekretariat für Solidarische Ökonomie. Gleichzeitig dominiert gerade in Brasilien das herkömmliche Entwicklungsmodell mit Extraktivismus, Industrialisierung, Exportorientierung und Wirtschaftswachstum. Dort wie überall im globalen Süden kämpfen KleinbäuerInnen - meist Indigene - um ihr Land und ihre Wälder, die ihnen seit Generationen ein Auskommen ermöglichten. Diese weltweit Millionen Betroffenen wirtschaften schon immer solidarisch, werden aber zunehmend von agroindustriellen Landgrabbern vertrieben. Neben dem Land sind es auch die Infrastrukturen der Daseinsvorsorge (Wasser, Elektrizität, Gesundheitseinrichtungen etc.), die weltweit privatisiert und damit der Kommerzialisierung anheim gegeben werden. Notgedrungen müssen immer mehr Menschen ihre Versorgung in die eigene Hand nehmen, auch in den krisengeschüttelten Mittelmeerländern. Gleichzeitig kämpfen sie und organisieren nicht nur ökonomische, sondern auch politische Solidarität. Auch viele Hausprojekte hierzulande gäbe es nicht, wenn nicht seit den 1980er Jahren Häuser besetzt worden wären.

Eine andere Wirtschaftsweise?

Solidarische Ökonomie kann in einem weiteren Sinne als Forderung nach einer nicht primär gewinnorientierten Gestaltung der gesamten Wirtschaft verstanden werden, über einzelne kleinere oder größere gemeinschaftliche Unternehmungen hinaus. Dabei ist eine globale Perspektive unabdingbar, um nicht zum Beispiel einer Idee der Überwindung des Kapitalismus aufzusitzen, wie sie Jeremy Rifkin mit seiner Null-Grenzkosten-Hypothese aufstellt. Die Vorstellung von einer Gesellschaft, in der dank Digitalisierung angeblich keine Arbeit mehr erforderlich ist und im "Internet der Dinge" vieles kostenlos geteilt werden kann, ignoriert die Menschen im globalen Süden, deren Lebensgrundlagen für die Produktion von Energie, Digitaltechnik und Transport zerstört werden. Vielleicht erschließt sich die rassistische Dimension solcher Visionen erst auf den zweiten Blick. Wenn die NPD in ihrem Parteiprogramm 2010 unter der Überschrift "Die Wirtschaft muss dem Volke dienen" regionale Wirtschaftskreisläufe in einer solidarischen Wirtschaftsordnung anstrebt, verraten nur wenige Begriffe den zugrundeliegenden Rassismus. Schöne Worte sind verführerisch, und so gilt das kleine Land Bhutan vielen als Vorbild, weil es - anstelle des Bruttosozialprodukts - schon in den 1970er Jahren das Bruttonationalglück zum Staatsziel erhoben hat. Glück statt Geld - die Botschaft kommt gut an. Wer weiß schon, dass dies nur für die buddhistische Mehrheitsbevölkerung gilt, nicht für die überwiegend hinduistische Minderheit der Nepalis? Die werden vertrieben, rassistisch diskriminiert und müssen in bitterer Armut leben.

Wer ist "Wir"?

Solidarität bedeutet Gegenseitigkeit und wirft die Frage auf, wer in dieses solidarische Wir eingeschlossen ist - und wer nicht. Zum Beispiel wenn in der Social-Business-Welt die "WeQ-DNA" (Wir-Qualität) propagiert wird, geprägt von so schönen Begriffen wie "Co", "Open" und "Teilen". Auf deren Vision-Summit treffen sich SozialunternehmerInnen mit Eliten aus Unternehmensberatungen und Konzernen, um zu beraten, wie die Welt mit Mitteln der Wirtschaft zu verbessern sei, statt mit Politik. Die Versorgung der draußen Gebliebenen erledigen dann soziale Projekte wie die Tafeln oder Konzernstiftungen mit ihren wohltätigen Gaben. Solidarisches Wirtschaften im emanzipatorischen Sinne hat mit Würde und Selbstbestimmung zu tun. In privilegierteren Weltregionen entschließen sich Menschen eher freiwillig, in selbstverwalteten Betrieben und Projekten zusammen zu arbeiten, um fremdbestimmten Ausbeutungs- und Unterdrückungsverhältnissen zu entgehen. Je größer die Not, desto geringer die Wahlfreiheit und desto größer der Druck, sich für das Lebensnotwendige zusammen zu schließen. Gemeinsam ist den vielen Ansätzen anderen Wirtschaftens, dass es die Menschen selbst sind, die es tun. Solidarische Ökonomie ist ein weites Feld, und es sind die Wirtschaftenden selbst, die dieses Feld immer wieder neu erschaffen und beschreiben.

www.voss.solioeko.de

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