Bewusst miteinander ins Gespräch kommen

Viele in der Klimagerechtigkeitsbewegung sehen darin, wie Menschen miteinander reden und sich organisieren, einen wichtigen Ansatz, wie wir an einer gerechteren und herrschaftskritischen Gesellschaft arbeiten können. Eine bewusster gestaltete Gesprächskultur könnte helfen, Diskussionen und Entscheidungsprozesse emanzipiert und konsensbasiert zu gestalten. Auch wir im Gäst_innenhaus versuchen, im Plenum und auch sonst reflektiert miteinander zu reden. Die Betonung liegt auf »versuchen« – es ist und bleibt ein Prozess.

Gäst_innenhaus Jakob, Dannenrod

Die Sonne geht bald unter hinter dem alten Gasthaus, wo zwei junge Katzen aus dem Fenster gucken. Einige Menschen laufen zur Großküche in der Scheune, um sich etwas vom gemeinschaftlich gekochten Essen zu holen.

Sie setzen sich im relativ runden Kreis auf die Gartenwiese. Vögel zwitschern in den Apfelbäumen. Es wird aus dampfenden Emaille-Tellern gegessen und in Kleingruppen gequatscht.

Bald ruft der erste Mensch: »Pleee­num.« Ein paar im Kreis summen leise das Lied weiter: »Plenum ist wichtig für die Revolution.«

Ein Flipchart wird angeschleppt und in den Kreis gestellt. Der Mensch daneben wird gefragt, ob er moderieren mag.

»Lieber nicht«, antwortet Sonne. »Ich fühl‘ mich heut‘ nicht so kommunikativ. Aber ich kann gern helfen, auf Redezeichen zu achten.«

»Danke!«, sagt Gandalf. »Wer hat denn Lust zu moderieren?«

Eine kurze Stille folgt, dann: »Ich kann das gern machen.« Nele ist noch nicht lange im »Gästihaus« in Dannenrod, kennt Plena aber aus anderen Projekthäusern. Mensch ist trotzdem ein bisschen aufgeregt, und sagt das auch: »Ergänzt mich, wenn ich was vergesse. Ich fühl mich da noch ein bisschen unsicher.«

»Klar! Dank dir! Sind jetzt alle hier, die vielleicht mitmachen wollen?«, fragt Kim in die nickenden Gesichter, die gerade die letzten Sonnenstrahlen an einem kühlen Tag genießen.

Auf dem Flipchart stehen die zu besprechenden Themen »A49-Brücken«, »Klimacamp planen« und »Haushalt-Verantwortlichkeiten«, sowie die immer gleichen Punkte der Plenumsstruktur.

Moderation, Methoden und Redezeichen klären

»Sollen wir anfangen?«, fragt Nele in die Runde. Hände wedeln zur Zustimmung.

»Starten wir mit dem Check-in. Für alle, die das nicht kennen: Hier könnt ihr euren Namen sagen, das Pronomen, mit dem über euch gesprochen werden soll, und noch wie es euch geht oder was ihr über euch teilen wollt.«

Dann fängt ein Mensch an: »Ich nenne mich Serra. Pronomen sie. Ich fand unsere Spülparty voll lustig und freu mich auf den Community Day morgen. Check.«

»Kim. Pronomen es/ihm. Mir gehts ganz gut. Check.«

»Sonne. Pronomen er. Das hier ist mein erstes wirkliches Plenum im aktivistischen Kontext. Einmal hab ich kurz zugeguckt in der Besetzungszeit 2020. Bin voll gespannt, wie es wird!« Sonne schaut lächelnd zu Nele.

»Cool! Ich bin Nele. Pronomen bin ich gerade nicht sicher, was mir am besten gefällt. Ich hatte heute fast einen ruhigen Tag, bin trotzdem unzufrieden und hab Erwartungen von Produktivität im Kopf. Freu mich auch auf morgen!«

»Archy. Pronomen er oder mensch. Ich hab den ganzen Tag vor Bildschirmen verbracht und Mobi-Texte geschrieben. Ich fühl mich gerade so, als wäre ich nur Tourist im politischen Protest, und danach gebe ich mich wieder dem alltäglichen Konsum und distanzierten Zwischenmenschlichkeiten hin. Aber ich versuch mich nicht zu doll zu verurteilen. Die Phase wird sich auch entwickeln in was anderes. Check.«

»Gandalf. Pronomen er. Sonnenuntergang ist schön. Check.«

»Gut, damit ist die Runde durch. Sollen wir kurz die Redezeichen wiederholen?«, fragt Nele.

»Nur die wichtigsten bitte«, grummelt Archy.

»Ok. Also wir melden uns, wenn wir sprechen wollen und gucken uns vorher um, ob sonst wer sich meldet. Wenn ja, reihen wir uns mit der gezeigten Fingerzahl in die Meldekette ein. Dann haben wir den technischen Punkt,« Nele zeigt ein »T« mit beiden Händen. »Für alles, was nichts mit dem Inhalt zu tun hat, wie ›Es regnet!‹. Das ›P‹ für Prozessvorschlag, um eine nicht enden wollende Diskussion lösungsorientiert umzuleiten. Das ›L‹ für »Language‹, wenn ein Wort unklar ist. Und die Widerstandsabfrage bei Entscheidungsfindungen, wo wir mit den Fingern null bis fünf Widerstände gegen einen Vorschlag anzeigen können, um Schritt für Schritt diese zu diskutieren und so zu einem Konsens gelangen zu können. Fehlt was?«

»Zustimmung und Ablehnung«, meint Kim. »Hände wedeln oben für Zustimmung, unten für Ablehnung, oder halt dazwischen, um ohne Unterbrechung des Gesprächs Feedback zu geben.«

Reden ist politisch – und emotional

Die gesellschaftlichen Ursprünge einer konsensbasierten, gerechten Gesprächskultur verbinden viele mit den Zapatistas in Mexiko oder auch mit der kurdischen Freiheitsbewegung um Abdullah Öcalan. Diese emanzipatorischen Bewegungen sind Vorreiter*innen für uns – in Prinzipien wie Feminismus, Anti-Rassismus und Sozialismus. Methoden aus der Supervision sind speziell wichtig für das Moderieren. Die genaue Ausgestaltung der Organisation von Gruppen und Verantwortung wird an keinem Ort gleich sein.

Auch in unserem strukturierten Zusammenkommen wird versucht, darauf zu achten, das Zwischenmenschliche nicht zu vernachlässigen. Es kommt durchaus mal was hoch, Menschen schreien sich an oder weinen, weil sie sich ungerecht behandelt fühlen. Oder einfach genervt sind. Und dann gilt es, spontan als Gruppe herauszufinden, wie diese Emotionen und Bedürfnisse am Besten ihren Platz finden.

Dabei kann die Moderation manchmal vermitteln. Und muss natürlich aufpassen, sich nicht in einer Position wiederzufinden, wo sie einseitig das Gespräch zu lenken beginnt. Und manchmal ist das Plenum plötzlich pure Auseinandersetzung – und das ist auch mal okay. Kritik direkt anzusprechen und nicht mehr zu verdrängen, ist auch ein Prozess bei uns im Haus.

Schlafplätze, Klimanews und »Repro-Arbeit«

Die Art und Weise, strukturiert und wertschätzend miteinander zu reden und sich nach dem Konsensprinzip als Gruppe zu organisieren, findet breite Zustimmung in der Klimagerechtigkeitsbewegung. Sie wird in der Realität natürlich mit unterschiedlicher Beständigkeit ausgeübt – abhängig von Gruppengröße, Stimmung, etc. Bei uns sind auch mal vier Leute beim Plenum, wo eine klare Moderation nicht mehr so nötig ist. Heute sind wir zu sechst, die üblichen Verdächtigen plus eins.

»Gibt es Bedürfnisse in Sachen Schlafplätze?«

Ein paar Sekunden Stille. Zwei Menschen wedeln mit den Händen nach unten.

»Okay, dann starten wir mit Updates. Zur Erinnerung: Wir versuchen hier nicht in Diskussionen abzudriften, sondern nur News zu teilen«, moderiert Nele weiter. »Wer hat was?«

»Am Mittwoch ist eine Verhandlung in Alsfeld gegen einen Danni-Aktivisti. Ich würde da gern hin, ein Banner malen und mir dafür als Ansprechpartner*in den Hut aufsetzen«, sagt Serra.

»Danke dir! Weitere Updates?«

»Bei der Weltklimakonferenz letzten November ist von 30 Ländern, unter anderem Brasilien und Indonesien, beschlossen worden, die Abholzung von Wäldern bis 2030 weltweit zu stoppen. Das ist übrigens nicht der erste Anlauf von so einem Versprechen. Seitdem keinerlei Besserung«, liest Gandalf von seinem Smartphone vor.

»Leere Phrasen. Wer setzt wirklich was um?!«, grummelt Archy rein.

»Es wäre schön, wenn du dich melden würdest – und die Updates bleiben eh kurz. Oder wollen wir das in den Tops diskutieren?«, fragt Nele mit Blick zu allen.

Die Hände wedeln still nach unten, auch bei Archy. Am Nachmittag wurde schon viel diskutiert. Die Motivation für die großen Themen scheint für heute aufgebraucht. Stichwort: Nachhaltiger Aktivismus.

In den Tops (Tagesordnungspunkten) dreht es sich heute vor allem darum, wie hier mit dem Thema Aufräumen und Putzen umgegangen werden soll. Die Tendenz, dass reproduktive Arbeiten (»Repro«) häufiger von FLINTA*-Personen übernommen werden als von männlich sozialisierten Menschen, wird mehrfach angesprochen. Dazu wollte Gandalf erst etwas sagen, zieht seinen Beitrag aber nach drei Worten zurück. Auf die Widerstandsabfrage der Moderation schließlich, ob dazu lieber ein spezieller Termin zum Besprechen angesetzt werden solle, kam von fast allen widerstandslose Zustimmung, und die Person mit einem gezeigten Widerstand konnte trotzdem mitgehen.

Am Ende des Plenums sind alle sehr froh, für heute durch zu sein. Zwei jubeln. Ein paar bleiben noch sitzen. Nele fragt Sonne, wie es ihm gefallen hat.

»Ich fand es interessant, wie viele Spannungen ich in vielen gespürt hab und dass sich trotzdem alle ausreden lassen.«

»Ja total, das ist manchmal hart an der Grenze, funktioniert aber meistens«, meint Nele. »Ich glaube, die kleine Gruppengröße hilft. Ich vergleiche unsere Plena oft mit meinem früheren Leben im Großraumbüro. Wir kommen hier schon ein bisschen weg von einseitigen Entscheidungen – gemeinschaftlicher und ehrlicher. Wir kriegen das oft nicht richtig hin, aber wir arbeiten dran. Immer wieder neu.«

Es bleibt ein stetiges Versuchen

Dass wir diese bewusster gestaltete Gesprächskultur üben und entwickeln können, ist ein Privileg. Wir verdanken es einer langen Geschichte gesellschaftlicher Emanzipation und ihren progressiven und antifaschistischen Bündnissen. Gerade benachteiligte Gruppen und Individuen sollen die Chance bekommen, von einem inklusiven, wertschätzenden Austausch zu profitieren. Dabei zentral sind wechselnde Moderation, geteilte Verantwortung, selbstkritisches Fehlerbewusstsein für sich verfestigende Prozesse sowie für dominantes Verhalten.

Auch uns als Menschen besser wahrzunehmen und richtig kennenzulernen hilft uns, Entscheidungen im Sinne der Gruppe treffen zu lernen. Manchmal sind wir überfordert von unserem so freien Ort. Unsere Verschiedenheit wertzuschätzen und Räume für alle zu öffnen, ist tägliche Herausforderung, und wundervolle Chance.

Moderation und Handzeichen werden sogar in Gesprächen verwendet, die nichts mit Organisation zu tun haben. Das mag für manche lustig aussehen, wenn sich beim Gefühls­austausch in lockerer Runde eine Person per Handzeichen meldet.

Link: https://gaest-innenhaus.org

Titelbild: Der Kommunikationspolizist bei der Danni-Räumung 2020 schaffte keine gute Moderation. Das Gäst_innenhaus und andere wollen Gesprächskultur anders anpacken. Foto: Tom Zeder