Der Robin Hood der Banken

In ihrem Dokumentarfilm »Robin Bank« nähert sich Anna Giralt Gris dem unkonventionellen Bankenkritiker und Enteigner Enric Duran an. Er ist ein Symbol für die als Kapitalismuskritik verstandene Kritik an Banken und dem ganzen Finanzsektor.

Gaston Kirsche, Hamburg

Als die Spekulationsblase mit Immobilienkrediten zuerst in den USA platzte, wurde am 17. September 2008 an zahlreichen Orten Kataloniens in Spanien eine kostenlose Zeitung mit dem Titel »Crisi« verteilt – Krise. Darin stand neben harscher Kritik an der Finanzindustrie auch ein Bekenntnis: »Ich habe 492.000 Euro von denen genommen, die uns am meisten berauben, um sie anzuprangern und Alternativen für die Gesellschaft zu schaffen«. Damit wurde Enric Duran öffentlich bekannt, den Medien bald »Robin Hood der Banken« nannten – oder kurz: Robin Bank. Die Regisseurin Anna Giralt Gris war, genau wie Enric Duran, um die Jahrtausendwende in Barcelona in der globalisierungskritischen Bewegung aktiv. Sie hat 2008 seine Aktionen gegen Banken mit viel Sympathie verfolgt, wie sie in ihrem Dokumentarfilm als Stimme aus dem Off erklärt – zu Bildern brennender Barrikaden auf den breiten Hauptstraßen Barcelonas.

Als Anna Giralt Gris 2019 die wochenlangen Straßenkämpfe in Barcelona erlebt, in denen sich sozialer Protest mit dem Einsatz für die Unabhängigkeit Kataloniens mischt, stößt sie wieder auf Enric Duran – und sie beschließt, einen Dokumentarfilm über ihn zu drehen. Aus dem Leben im Untergrund erklärt Duran, falls Katalonien wirklich unabhängig werden wolle, brauche ein eigenständiger Staat auch ein Wirtschaftssystem ohne Profit­orientierung. Anna Giralt Gris erklärt, dass die Meinung von Enric Duran in den sozialen Bewegungen Kataloniens Gewicht habe, denn sein Coup gegen die Banken sei unvergessen: Von 2005 bis 2008 nahm Enric Duran 68 Geschäfts- und Privatkredite bei insgesamt 39 Banken auf, ganz ohne Garantien oder Immobilien als Sicherheiten.

Er hatte nie die Absicht, die Schulden zurückzuzahlen und nutzte stattdessen das Geld, um verschiedene soziale Bewegungen mit Spenden zu unterstützen – finanzieller ziviler Ungehorsam. Er behielt nichts für sich persönlich, wie der in Barcelona bekannte Aktivist Iñaki García im Film schildert. So spendete Duran unter anderem für linksalternative Medien (auch für seine erwähnte Gratiszeitung »Crisi«) und den Druck von Büchern. Die Kredite habe er aufgenommen, um »das kapitalistische Raubtiersystem« zu entlarven, denn durch Kredite würden finanziell nicht gut ausgestattete Personen und kleinere Firmen von den Banken abhängig und in die Verschuldung getrieben.

Filmmaterial von Protesten

Neben den Interviews, unter anderem mit der Mutter von Enric Duran, greift Anna Giralt Gris auf das ihr zur Verfügung gestellte reichhaltige Filmmaterial von Protestaktionen der globalisierungskritischen Bewegung zurück. Einmal mehr zeigt sich, wie wichtig solche Aufnahmen sind. So kann sie auch eine ökologische Fahrradsternfahrt durch Katalonien für Degrowth und nicht-fossile Energien zeigen, die Enric Duran aus den Kreditmitteln finanziert und mitorganisiert hat. Duran ist zu sehen, wie er eine Rede hält, diskutiert, Rad fährt.

Die Regisseurin erklärt, niemand wolle vor der Kamera so genau darüber reden, wohin das Geld geflossen sei – dabei erzählen in Katalonien einige linksalternative Projekte recht offen, von Enric Duran unterstützt worden zu sein. Was, gekonnt zweideutig formuliert, ja nicht unbedingt Geldspenden bedeuten müsse. Ein Beispiel hierfür ist die Cooperativa Integral Catalana, ein Netzwerk von Kooperativen, die ein Wirtschaften jenseits des kapitalistischen Marktes anstreben, und an dessen organisatorischen Aufbau sich Enric Duran beteiligt hat und in dem er nach eigenen Aussagen in Interviews immer noch aktiv ist. Mehrere 1.000 Mitglieder erprobten hier selbstorganisiert in über 300 Kooperativen praktische Alternativen zum Kapitalismus, ohne Gelder vom Staat und von Banken. Für den Zahlungsverkehr untereinander gibt es die selbstredend nichtspekulative Eigenwährung »Ecocoin«. Dezentral organisiert, autonom und eigenverantwortlich würde so praktisch gezeigt, dass es eine Alternative zum Kapitalismus gibt.

14 Banken erstatteten Anzeige, Duran wurde angeklagt. Öffentlichkeitswirksam ließ er sich am 17. März 2009 bei einer Besetzungsaktion auf dem Unicampus in Barcelona verhaften. Parallel wurde in Spanien erneut eine Gratiszeitung verteilt: »Podemos« (Wir können), die gleichnamige Partei gründete sich erst nach den Platzbesetzungen der Bewegung der Indignados in den Jahren 2011/12. In der Zeitung wurden zahlreiche Ansätze der Alternativökonomie vorgestellt, die sich versuchen jenseits des Kapitalismus zu entwickeln. Duran saß zwei Monate in Untersuchungshaft, bis Freund*innen eine Kaution in Höhe von 8.000 Euro für ihn hinterlegten. Aufnahmen der damaligen Kundgebungen für ihn hat die Regisseurin so in den Film einmontiert, dass die Solidarität anschaulich wird, bis hin zum Prozessbeginn 2013. Enric Duran hat sich der zu erwartenden hohen Haftstrafe entzogen, indem er untergetaucht ist. Seitdem lebt er in der Klandestinität und organisiert seine Aktivitäten bereits jahrelang von einem der Polizei nicht bekannten Aufenthaltsort aus. In Kreisen der Alternativökonomie ist Enric Duran ein gefragter Gesprächspartner, es gibt zahlreiche klandestin geführte Interviews mit ihm im Internet. Dass seine Kapitalismuskritik sich weitgehend auf den Finanzsektor und die Distributionssphäre reduziert, wird kaum kritisiert.

Ein persönliches Treffen

Den ganzen Film über versucht die Regisseurin, »Robin Bank« zu treffen – was auch gelingt. Das Zusammentreffen bleibt aber erstaunlich oberflächlich, dabei ist der Film so aufgebaut, dass alles auf diese Begegnung zuläuft. Immer wieder werden verschlüsselte E-Mails eingeblendet, die der Kontaktanbahnung dienen, immer wieder weist die Regisseurin als Stimme aus dem Off auf die Bedeutung der Begegnung hin.

Dies wirkt etwas absurd, da auf Spanisch bereits zahlreiche schriftliche und filmische Interviews mit Enric Duran erschienen sind. So wird auch die Chance vertan, über die Fixierung auf die Banken hinauszugehen und darauf hinzuweisen, dass marxistisch fundierter Antikapitalismus hier nicht auf halbem Weg stehen bleiben würde, sondern auch die Realwirtschaft, die Produktion, die Lohnarbeit kritisieren würde. Wie der vermeintliche Antikapitalismus von Enric Duran aussieht, zeigt sich etwa bei seinem Verständnis von Markt: Diesen versteht »Robin Bank« als »durch die Systeme der Vorherrschaft manipuliert«. Nahezu unbekümmert versichert er, die »antikapitalistischen« Kooperativen seien nicht für den Markt da, würden den Markt aber für sich nutzen. Ähnlich widersprüchlich ist auch sein Verhältnis zum Staat: Während er seit Jahren eine antikapitalistische Bewegung mit guten Gründen nur als antistaatliche, nichtparlamentarische propagiert, hat er bei den katalanischen Regionalwahlen am 27. September 2015 für einen Sieg der separatistischen Kandidat*innen geworben: Ein katalanischer Staat könnte eher demokratisiert werden als der spanische. Auch dies ein Widerspruch zu seiner Position, dass es nicht auf die Eroberung der Staatsmacht, sondern auf die antikapitalistische Alternativen praktizierende Basisbewegung ankomme.

Trotz dieser Einschränkung: Die Dokumentation ist unbedingt sehenswert, zeigt sie doch die in Spanien bedeutende Bewegungskritik an der Finanzwirtschaft, die Wut auf die Verschuldung. So sind auch eingeschlagene Schaufensterscheiben von Bankfilialen zu sehen.

In den Abspann hinein fängt Pablo Hasél an zu rappen: »Libertad para Enric Duran!«, Freiheit für Enric Duran. Pablo Hasél sitzt nach mehreren Verurteilungen seit dem 16. Februar 2021 im Gefängnis, er erhielt etwa eine zweieinhalbjährige Haftstrafe wegen »Verunglimpfung« des spanischen Königshauses und »Aufrufs zur Gewalt« in seinen zuweilen drastischen Liedtexten.

Robin Bank, Spanien/Deutschland 2021. Regie: Anna Giralt Gris, Kamera: Aida Torrent Ciudad, 79 Minuten

»Robin Bank« lief 2022 kurz im Kino. Jetzt kann er in der arte-Mediathek kostenfrei angeschaut werden: https://kurzelinks.de/1l0i (verfügbar bis 24. Mai 2024)

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