Neue Serie: Gutes auf die Ohren

Es gibt viele Wege, Podcasts zu hören. Apple steigt bereits 2005 als einer der immer noch größten Player in die Podcast-Distribution ein, der Streaming-Riese Spotify zieht 2016 verhältnismäßig spät nach. Die App öffnen, die vermutlich eh schon auf dem eigenen Endgerät installiert ist, Podcast und Folge aussuchen und es kann losgehen. Was vermutlich viele Hörer*innen nicht mehr wissen: Podcasts sind in ihrem eigentlichen Sinne inhaltlich und technisch eine ziemlich subversive Sache. Sie sind spezialisiert, persönlich, einfach zu produzieren und zu vertreiben, kostenlos und vor allem plattformungebunden.

In unserer Serie
»Gutes auf die Ohren« stellen wir euch interessante Podcasts vor.

Technisch gesehen ist ein Podcast eine Reihe von Audio-Dateien, die über einen Server zum Download bereitgestellt werden. Mit Hilfe eines RSS-Feeds können Hörer*innen Podcasts abonnieren und werden automatisch über neue Folgen informiert, ohne die jeweilige Website zu besuchen. Das klingt in Zeiten von News-Feeds, automatischen Benachrichtigungen und automatisch zusammengestellten Musik-Playlists erstmal banal – ist es aber nicht. Ein Podcast-Player, wie zum Beispiel Pocket Casts, ist im Grunde nur ein Inhaltsverzeichnis abonnierter RSS-Feeds. Die eigentlichen Podcast-Folgen und die zugehörigen Metadaten, wie Titel und Shownotes, unterliegen ausschließlich der Kontrolle der Podcaster*innen. Damit sind Inhalt und Gestaltung unabhängig und nicht auf eine bestimmte Plattform angewiesen, es gibt keinen redaktionellen Rahmen und keine festgelegte Zielgruppe. Um einen Podcast zu hören, müssen User*innen nicht auf einer bestimmten Website bleiben (wie zum Beispiel bei Youtube), keinen werbefinanzierten Radiosender einschalten und keinen zahlungspflichtigen Streaming-Dienst abonnieren. Stattdessen: RSS-Feed einrichten, Folge herunterladen und loshören. Nachdem die Verbreitung des Kommunikationsmediums Sprache viele Jahrzehnte lang an Radio und Fernsehen gebunden war, wird mit dem Podcast Anfang der 2000er eine neue, wilde, niedrigschwellige Möglichkeit geboren, der eigenen Stimme Gehör zu verschaffen.

Podcasts – Ein subversives Medium

Die Motivationen von Podcaster*innen, die Formate und Inhalte von Podcasts lassen sich schwer verallgemeinern. Ein Podcast kann sich um ein Thema (aktuelle Nachrichten) drehen, das Gespräch mit einer Expertin in den Mittelpunkt stellen oder einem bestimmten Format (das informelle Küchentischgespräch zwischen Freunden ohne Zeitlimit) folgen. Es gibt für jedes Interesse und jedes Thema einen Podcast, sei es die Kritik herrschender Geschlechterverhältnisse (Alles für Alle), der Versuch die philosophische Ideengeschichte lückenlos zusammenzutragen (The History Of Philosophy) oder Expert*innengespräche über Hundeerziehung (Canis).

In den letzten zwei Jahren haben sich in der deutschsprachigen Podcast-Szene unter anderem immer mehr Podcasts etabliert, in denen Menschen persönliche Diskriminierungserfahrungen teilen, einen Safe-Space für die eigene Community schaffen und das Sprechen über die eigene Lebenswirklichkeit ein Stück weit als mediale Form des Aktivismus begreifen. Podcasts wie »Two Blacks and a Jew« oder »Rice and Shine« haben dabei nicht primär einen Erziehungsanspruch an ahnungslose (weiße) Mehrheiten, sondern tragen mit ihrer nicht-apologetischen Schilderung von Lebenserfahrungen jenseits aller Schubladen zur Sichtbarmachung marginalisierter Perspektiven bei.

Neben Podcaster*innen, deren Podcasts hauptsächlich aus einem privaten Raum heraus entstehen, produzieren mittlerweile vermehrt politische und gesellschaftliche Initiativen und Vereine Inhalte, die einen Einblick in ihre Ziele und Arbeitsweisen bieten. Auch große Medienhäuser wie die Zeit, der Spiegel und die Süddeutsche Zeitung haben das Podcast-Format als Möglichkeit zur Ausweitung des eigenen Medienangebots längst entdeckt. Ihre Shows sind in der Regel professionell produziert und redaktionell glattgebügelt. Sie liefern so zwar qualitativ hochwertige Inhalte, haben aber mit dem klassischen Format des Podcasts nicht mehr viel zu tun.

Helene Jüttner


Podcasts sind divers, Podcasts sind persönlich, Podcasts sind unabhängig, Podcasts machen sichtbar. Ohne an monetarisierte Plattformen gebunden zu sein, ohne redaktionellen Rahmen, ohne Einmischung von außen: Ein Podcast kann politische Theorie erklären, marginalisierte Lebenserfahrungen beschreiben, Diskriminierung anprangern und kritische wie konstruktive Lösungsansätze aufzeigen. Alle zwei Monate stellen wir euch hier einen hörenswerten Podcast vor – natürlich links, natürlich kritisch.