Kollektive Gastlichkeit

Von selbstorganisierten bzw. selbstverwalteten Hostels und Tagungshäusern sollte dieser Schwerpunkt handeln. Was sich dann gar nicht als so einfach herausstellte, denn: Wir haben – mit einer Ausnahme – keine Projekte gefunden, die »nur« ein Hostel oder Tagungshaus betreiben.

Brigitte Kratzwald, Redaktion Graz

Nach dieser ersten Erkenntnis sind wir daran gegangen zu schauen, welche Gruppen neben anderen Projekten auch ein Hostel, eine Herberge oder ein Seminar- oder Tagungshaus betreiben. In dem Schwerpunkt werden unterschiedliche Zugänge und Motivationen beschrieben, die aber eine Gemeinsamkeit aufzeigen: Die Betriebe sind immer Mittel zu einem oder mehreren bestimmten Zwecken und es ergeben sich Synergien mit anderen Initiativen oder Betrieben innerhalb des Projekts.

Die Beherbergungsbetriebe dienen einerseits als wichtige Einnahmequelle, was besonders beim Regenbogenhostel (Seite 9) zutrifft, das noch andere selbstorganisierte Initiativen innerhalb der Regenbogenfabrik mit finanziert. Dort gibt es aber auch schon die meiste Erfahrung damit, das Hostel gibt es seit fast 30 Jahren, während die Gruppe von Vitopia (Seite 11) gerade erst beginnt, ihr Hostel am Radweg zu betreiben und die Zeit des Lockdowns nutzen konnte, um die letzten Bauarbeiten fertig zu machen.

Die Mühle Nikitsch (Seite 12 unten) bietet Raum für Seminare und Gruppentreffen an. Die Einnahmen daraus sind zwar ein Vorteil, aber für das Projekt nicht existenziell wichtig. Viel wichtiger ist den Betreiber*innen der Kontakt, der Austausch und die Vernetzung mit anderen Gruppen, die Möglichkeit, interessante Menschen und Themen in den ländlichen Raum zu bringen. Die Möglichkeit, mit ganz anderen Menschen in Kontakt zu kommen und damit auch die eigenen Ideen verbreiten zu können, führen auch Vitopia und das Regenbogenhostel als wesentlichen Benefit an.

Eine Herberge der besonderen Art stellen wir auf Seite 10 vor: Roma, die zum Betteln oder zum Arbeiten aus der Slowakei und Rumänien nach Innsbruck kommen und davor entweder in ihren Autos oder auf der Straße geschlafen haben, haben einen verlassenen Bauernhof renoviert und eine Herberge für sich selbst und ihre Kolleg*innen geschaffen. Aber auch hier geht es um viel mehr als um eine Herberge – es wurde ein Gemeinschaftsgarten und ein kulturelles Zentrum auch für die einheimische Bevölkerung daraus. Selbstorganisation der Roma, die oftmals weder lesen noch schreiben können, funktioniert manchmal anders als wir uns das vorstellen, meint der Vereinsobmann Jussuf Windischer, aber sie funktioniert auch und sie funktioniert gut.

Eine ähnliche Geschichte hat auch Al Forno (Seite 12 oben), die Feriensiedlung im Tessin. Im Gegensatz zu den anderen Projekten dient es heute wirklich »nur« mehr touristischen Zwecken, wenn auch nach wie vor die Mithilfe der Gäste beim Sauberhalten der Anlage gefragt ist. Entstanden ist es aber als politischer Bildungsort von Schweizer Sozialist*innen und der Schweizer Frauenbewegung. Achtsamer Umgang mit der Natur ist auch in diesem Betrieb wichtig, der sich mit einem geförderten Projekt für die Erhaltung der regional typischen Terrassenlandschaft einsetzt.

Gemeinschaft, Nachhaltigkeit, eine andere Form der Gastlichkeit, das sind also Aspekte, die alle Projekte vereinen. Weitere Erkenntnisse waren: Man muss es mögen, Gäste zu haben und mit ihnen auch ins Gespräch zu kommen, und ohne Regeln geht gar nichts, gerade auch dann, wenn fremde Menschen ins Haus kommen und vorübergehend Teil der Gemeinschaft werden.

Titelbild: Regenbogenfabrik, Berlin


Weitere Beiträge im Schwerpunkt

Seite 9 – Schwerpunkt
Regenbogenfabrik, Berlin

Seite 10 – Schwerpunkt
Waldhüttl, Innsbruck

Seite 11 – Schwerpunkt
Vitopia, Magdeburg

Seite 12 – Schwerpunkt
Al Forno Vacanze
Mühle Nikitsch

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