[bla]-Kollektiv: Warum Dolmetschen politisch ist

Wer sich aktiv beteiligen kann und wer verstanden wird, hängt ganz direkt mit strukturellen Ungleichheiten zusammen, zum Beispiel mit Kolonialgeschichte und dem Zugang zu Bildung. Das [bla]-Kollektiv ist eine der Strukturen, die dafür sorgen möchten, dass Treffen und Veranstaltungen nicht nur für Nutzer*innen der Mehrheitssprache(n) rund über die Bühne laufen.

[bla]-Kollektiv

Ich reiche der Person, die etwas nach Veranstaltungsbeginn in den Raum kommt, ein kleines Radio: »Damit kannst du auf Deutsch zuhören, wenn jemand Englisch oder Spanisch spricht.« Die Person schaut ungläubig auf das Gerät in ihrer Hand – »Das kann das?!«

Nein, kann es nicht. Damit Menschen sich austauschen können und möglichst viele von ihnen in einer Sprache zuhören und sprechen, in der sie sich wohlfühlen, dafür braucht es ein bisschen mehr als das.

Kurz gesagt sind wir ein Kollektiv für Dolmetschtechnik. Dolmetscher*innen verstehen Inhalte innerhalb von kurzer Zeit und geben sie in einer anderen Sprache wieder. Diese Wiedergabe kann nun aber nicht gleichzeitig über den Lautsprecher der Veranstaltung erfolgen – hier kommen die Radios ins Spiel.

Viele wissen, dass bei der UN oder im Europarat Teilnehmende mit Kopfhörern ausgestattet sind, während Dolmetscher*innen in Kabinen in Mikrophone sprechen. Solche Systeme gibt es auch professionell zu mieten – aber nur zu unerschwinglichen Preisen, ganz besonders wenn man keinen Zugang zu größeren finanziellen Ressourcen hat.

In der Tradition des Alice Kollektivs aus Griechenland, das schon 2001 für das World Social Forum in Porto Alegre (Brasilien) Dolmetschtechnik zugänglich machte, und durch direkte Wissensweitergabe vom Coati Kollektiv aus Barcelona, ist auch das [bla]-Kollektiv seit 2013 mit DIY-Technik unterwegs. Zunächst mit nahen Verbindungen zu landwirtschaftlichen Kämpfen sowie der Umwelt- und Klimagerechtigkeitsbewegung hat unsere Unterstützung mittlerweile einen Schwerpunkt auf antirassistischen und/oder queeren Gruppen und Veranstaltungen.

Technik wird dabei zweckentfremdet oder neu entwickelt, um unseren Ansprüchen an mehrsprachige Veranstaltungen gerecht werden zu können. Zum Beispiel: Wenn im Raum jemand Arabisch spricht, die Englisch-Französisch-Dolmetscher*in aber kein Arabisch versteht, dann kann sie per Knopfdruck auswählen, dass sie auf ihren Kopfhörern statt dem Arabisch im Raum die Arabisch-Englisch dolmetschende Person hören will – und kann, mit nur leichter Verzögerung, das auf Englisch Gesagte ins Französische übertragen. Wenn eine Person meint, ohne Mikrophon sprechen zu wollen, dann reichen wir ein mit unserem Mischpult verbundenes Mikro durch den Raum, damit die Dolmetscher*innen auch ganz aus der anderen Ecke guten Ton auf den Ohren haben und ihre Energie nicht auf das Filtern von Nebengeräuschen verwenden müssen. Wenn jemand meint, »ich sag’s kurz auf Englisch, damit es alle verstehen«, dann weisen wir darauf hin, dass eben nicht alle verstehen. Wir sorgen dafür, dass die vorhandene Dolmetsch-Infrastruktur genutzt wird, und Informationen in allen Sprachen im Raum verfügbar sind.

Also doch nicht nur Technik? Wir verstehen uns als Teil emanzipatorischer und machtkritischer Bewegungen und betrachten auch Sprachverwendung in diesem Kontext. Wir lernen zum Beispiel viel von Geflüchteten-Selbstorganisationen, die in ihrem Alltag längst mit mehreren Sprachen umgehen – dann geht es primär darum gemeinsam zu planen, wie wir etwa Gruppentreffen mit 20 Personen und drei Sprachen technisch hochskalieren können auf 300 Menschen und sieben Sprachen. Gerne arbeiten wir wiederholt mit Gruppen zusammen, mit denen wir uns mit der Zeit einspielen.

Was bedeutet Mehrsprachigkeit?

[bla] möchte zu Mehrsprachigkeit beitragen, aber die Nuancen die wir dabei mitbedenken, machen es noch lange nicht zu einem Rundum-Paket. Bei manchen Anfragen klären wir erst einmal die Grundlagen: Werden in euren Kontexten bereits mehrere Sprachen genutzt? Wenn nicht, habt ihr zusammen mit Communities, für die das relevant ist, entschieden, dass diese Veranstaltung zu diesem Thema, zu diesem Zeitpunkt auf mehreren Sprachen stattfinden soll? Wenn auch das nicht, macht ihr aktiv Werbung, dass ihr euch öffnen wollt bei Nutzer*innen der Sprachen, die ihr anbieten wollt? Durch die Reflexion, die wir anstoßen, soll Organisierenden spätestens bei Veranstaltungsbeginn klar sein: Mehrsprachigkeit ist nicht, dass auf einer Bühne Deutsch und Englisch gesprochen werden, und im Publikum Menschen auch auf anderen Sprachen zuhören können.

An unseren Tischen sitzen zu einem großen Teil Laien-Dolmetscher*innen, koordiniert von den Veranstalter*innen selbst, vom Dolmetsch-Kollektiv InterpRISE oder im Notfall auch mal von [bla]. Menschen also, die Dolmetschen nicht professionell gelernt haben, aber durch ihr Aktivsein in ihren Communities das Dolmetschen oft mindestens genauso gut schaffen wie »Profis«. Viele haben Erfahrung im Dolmetschen, wiederum aus strukturellen Gründen, weil nämlich sogenannte »seltene« Sprachen (meint: Minderheitensprachen) im öffentlichen Leben immer noch häufig von zum Beispiel Familienmitgliedern gedolmetscht werden. Wenn wir Einführungsworkshops zur Technik geben, sind diese oft gleichzeitig Dolmetschworkshops. Und weil dem sogenannten »Konferenzdolmetschen« von Vorträgen etc. ein Mythos der Unschaffbarkeit anhaftet, sind sie gleichzeitig der Versuch von Empowerment: Wer die komplexen Dynamiken von Amts- und Ärzt*innen-Besuchen dolmetschen kann, schafft einen Vortrag erst recht.

Unsere Arbeitssprache innerhalb von [bla] ist aktuell Englisch, auch wenn nur eine Person damit aufgewachsen ist – obwohl unser Ziel ist, dass Menschen Sprachen nutzen, in denen sie sich wohlfühlen, werden wir dem selbst nicht immer gerecht. Aktuelle bla-Mitglieder sind alle mit Kolonialsprachen aufgewachsen, und offensichtlich beeinflusst das unsere Perspektive auf die Spracharbeit, die wir machen. Einerseits leisten wir eine Art Care-Arbeit, indem wir Ressourcen, die wir haben, nutzen: Wir nehmen Veranstalter*innen einen Teil der Strukturarbeit ab, so dass diese sich auf ihre Inhalte konzentrieren können. Andererseits kann es auch vorkommen, dass unsere Technik streikt und wir bestimmen, dass die Inhalte warten müssen, bis wir eine Lösung gefunden haben, und wir damit eine Art Dominanz ausüben. Unsere Rolle bei Veranstaltungen reflektieren wir also immer wieder. Übrigens sind fast nur queere Menschen Teil von [bla] – wir wackeln also, während wir Care-Arbeit machen, auch an dem Stereotyp, dass Menschen erwarten, hauptsächlich ›Typen‹ am Mischpult zu sehen.

Umverteilung von finanziellen Ressourcen

Wir und unser Equipment sind verteilt über Frankreich, Deutschland, die Niederlande, Portugal und die Schweiz. Veranstaltungen, die wir unterstützen, finden typischerweise in diesen und den Nachbarländern statt. Im Schnitt reisen wir zu 20 Veranstaltungen im Jahr – aber nie alle zu den gleichen. Also haben wir, für Austausch, Planung und gemeinsame Zeit, zweimal jährlich vier Tage Plenum (an wechselnden Orten, damit nicht immer die gleichen weit anreisen müssen). Auch damit wir Rechnungen stellen können, sind wir ein in Frankreich eingetragener Verein. Niemand von uns verdient an dem Geld, das wir von Veranstaltungen bekommen, sondern es fließt in den Erhalt des Kollektivs: Reparatur und Anschaffung von Equipment, Reisekosten, auf denen niemand sitzen bleiben soll, Kosten für unsere internen Treffen etc. Das heißt im Umkehrschluss, dass wir zum Beispiel von NGOs, die Zugang zu finanziellen Ressourcen haben, größere Summen erwarten, sodass damit etwa Fahrtkosten für Veranstaltungen, die uns aus strukturellen Gründen nichts spenden können, finanziert werden. Spenden sind also immer herzlich willkommen! Wir freuen uns über die Entwicklung weiterer Gruppen die ähnliche Arbeit machen, um gemeinsam Ideen weiterzuentwickeln und mehr anfragende Veranstaltungen verlässlich unterstützen zu können.

Wider den Sprachbarrieren!

Link: https://bla.potager.org/de/

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