Gesellschaftlliche Realität macht nicht halt vor linken Projekten, warum auch

Arbeitslose Deutsche abschieben?


Wie mir zu Ohren gekommen ist, gibt es in dem Hausprojekt, in dem ich seit 27 Jahren wohne, einige Personen, die es nicht richtig finden, dass ich seit 25 Jahren arbeitslos bin, den ganzen Tag über nichts mache, mich trotz meiner vielen Zeit nicht einmal politisch betätige und mich dann auch noch noch über das Jobcenter beschwere.


Ute Wieners, Hannover Tja, immer diese Jammerarbeitslosen. Fast schon genauso, wie Jammer-Ossies. Fange ich doch mal mit dem Bild der Langzeitarbeitslosen in der Gesellschaft an. Laut der Studie über Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit der Universität Bielefeld von 2010, sind die Langzeitarbeitslosen die am meisten mit negativen Gefühlen belegte Gruppe im Land. In den Fokus der Abwertung gerückt wird sie »unter dem Gesichtspunkt mangelnder Nützlichkeit für die Gesellschaft«. Sie belegt diesen ersten Platz, noch vor verschiedenen Nationalitäten, Glaubensrichtungen und Einwanderern, wobei es da selbstverständlich jede Menge Überschneidungen gibt.


Hetze gegen Hartz 4 Empfänger


59 Prozent der Befragten fanden es demnach empörend, »wenn sich Langzeitarbeitslose auf Kosten der Gesellschaft ein bequemes Leben machen«. Zu ganz ähnlichen Ergebnissen kommt auch eine 2012 gemachte repräsentative Umfrage zum Thema Vorurteile gegen HARTZ 4 Empfänger des Instituts für Demoskopie im Auftrag der Bundesagentur für Arbeit (BA – Nürnberg).


Diese Stimmung ist während der Ära Schröder so hochgepuscht worden, um auf die Hartz IV Gesetze einzustimmen. Seitdem hält sie unvermindert an. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie plötzlich die Zeitungen, Illustrierten und TV-Sendungen voll waren mit Artikeln und Reportagen über die sogenannten Sozialschmarotzer. Im Jahr 2000 zum Beispiel titelte die Sendung Panorama: Stütze statt Stress – soziale Hängematte Deutschland


2003 initiierte die Bild eine Kampagne um den sogenannten »Florida-Rolf«. »Leben wir eigentlich im Sozial-Schlaraffenland?« lautete ihre erste Überschrift dazu. Weiter ging es dann mit: »Er lacht uns alle aus« Bei dem unfreiwillig berühmt gewordenen Protagonisten handelte es sich um einen Frührentner, der sich vom Sozialamt seine Miete in Miami bezahlen ließ. Er litt, seit seine US amerikanische Ehefrau verstorben war, unter Depressionen.


Der Wutsturm vieler Bürger, die in Rolf den Verursacher für ihr plagenreiches Leben »erkannten«, folgte direkt. Fast genauso schnell reagierte der Gesetzgeber. Es wird nun keine Sozialhilfe mehr ins Ausland überwiesen, auch dann nicht, wenn die Lebenshaltungskosten dort günstiger sind als bei uns.


Zu Beginn des neuen Jahrtausends zierten Bilder von Hängematten, in denen sich die Faulenzer genüsslich räkeln, sowohl die Nachrichtenmagazine, als auch die Printmedien. Die Hängematte als Synonym für die soziale Hängematte. Der Begriff »soziale Hängematte« ersetzt seitdem den, des sozialen Netzes. Ich selber habe damals eine zum Geburtstag bekommen, als Anspielung darauf. Das war allerdings ein Scherz.


Das Sozialporno


Irgendwann habe ich mal den Begriff Sozialporno gehört. Gemeint waren Hetzsendungen gegen Menschen, die es angeblich sehr viel angenehmer finden ihre eigene Verwahrlosung voranzutreiben und dem Steuerzahler auf der Tasche zu liegen, als »zumutbare« Arbeit anzunehmen. Gerade weil sie so heruntergekommen sind, bieten sie so ziemlich jedem Zuschauer noch die Möglichkeit sich nach unten abzugrenzen und zu distanzieren. Ich finde den Begriff Sozialporno so treffend, weil er an niedrigste Emotionen appelliert, weit unter der Gürtellinie. Wer kennt das nicht: »Igittigitt, so fertig bin ich jedenfalls nicht!«


Besonders geeignet für diesen Effekt erscheint mir die Darstellung sogenannter Mietnomaden, wie sie von RTL gesendet wurden. Dabei handelt es sich um Hartz IV Empfänger, die ihre vom Amt kassierte Miete nicht an den Vermieter zahlen, sondern verprassen, am liebsten für Bier, Zigaretten, Flachbildschirme und den Pizzabringdienst. Die Vermieter sind hilflos, denn noch bevor geräumt werden kann, sind die Mieter schon weg, um anderswo genauso weiterzumachen. In jeder Wohnung hinterlassen sie ein stinkendes Desaster aus Unrat und Gerümpel.


Am 29. März 2010 ging Birgit Schrowange in Extra - Das RTL Magazin – unter dem Titel »Wenn ich groß bin, kriege ich Hartz IV!« der Frage nach, was ein Hartz IV Kind von seiner Geburt bis zu seinem voraussichtlichen Tod den Steuerzahler kostet. Im Vergleich dazu wird eine Rechnung aufgemacht, was das Kind einer arbeitsamen Familie, an Steuern einbringt, nach Abzug der staatlichen Investitionen in seine Bildung.

Auch unter »Beauty-Gesichtspunkten« hat die in der Sendung dargestellte Familie wenig Erfreuliches zu bieten. Eine Face Aging Software, mit Zusatzfaktor Hartz IV, prognostiziert, dass der Hartz IV Sprössling schon mit 50 Jahren eine hässliche alte Vettel sein wird. So einen Dreck gibt es auf fast allen Fernsehkanälen zu sehen.


Arbeit muss sich wieder lohnen


Diese Hetze ist keine pure Gemeinheit, sondern sie hat ein Ziel. Nämlich die Leute in unakzeptable Jobs und in den Niedriglohnsektor zu treiben, mit Hilfe einer Kombination von Kürzungen und sozialer Ächtung. Soziale Ächtung ist etwas, das unsere Gattung überhaupt nicht ertragen kann. Anerkennung ist uns fast so wichtig wie Nahrung.

Es gibt noch einen zweiten ebenso wichtigen Grund, der als Folge davon auftritt. Die Arbeitslosen geben sich selbst die Schuld. Sie verinnerlichen das Bild, das die Gesellschaft von ihnen hat, weil sie Teil der Gesellschaft sind. Es beeinflusst uns immer was andere von uns denken. Die Erwerbslosen verachten sich selbst und gegenseitig. Während Maßnahmen, die das Jobcenter anordnet, wie zum Beispiel Bewerbertraining, wird mit Beschuldigungen, wer sich nicht genügend um Arbeit bemüht, wild um sich geworfen. Die Betroffenen fühlen sich schuldig, als Versager, werden depressiv und wehrlos. Paradoxerweise wird den Arbeitslosen einerseits vorgeworfen, dass es ihnen so schlecht gehe und sie so viel jammern und andererseits, dass sie sich auf Kosten der Gemeinschaft ein bequemes Leben eingerichtet haben und es ihnen viel zu gut gehe. Es ist unmöglich während eines Bewerbertrainings zu sagen: »Ja, Erwerbslosigkeit hat viele Nachteile, aber ich komme trotzdem ganz gut klar. Es geht mir nicht schlecht«. Stattdessen wird mit Bekenntnissen wettgeeifert, wer unter der Situation am meisten leidet.


Sobald ich den Fuß außerhalb meines Wohnprojektes, in die »normale Welt« setze, sehe ich mich der allgemeinen Ächtung ausgesetzt. Ich überlege immer sehr genau, ob ich mich als »Hartz IV« oute. Früher einmal hatte ich einen relativ selbstbewussten Umgang damit - vor Schröder. Die Reaktionen darauf sind aber fast immer in irgendeiner Weise verletzend. Mitleid, Hilfsangebote, Skepsis, ob ich denn überhaupt Arbeit suche. Ob ich nicht mal dies oder das versuchen will, um meine Situation zu ändern. Auch begütigende Kommentare wie: »Is nich schlimm, ich war auch schon mal arbeitslos – aber nicht lange« machen es nicht besser. Während eines Kurses beim Bildungsverein Hannover wurde mir von der Kursleiterin angeboten ihr Kind zu hüten, für drei Euro die Stunde. Wählerisch könne ich ja wohl kaum sein.


Keine Akzeptanz, keine Toleranz, kein Respekt.


Die Forderung nach bedingungslosem Grundeinkommen ist zwar nett gemeint, aber naiv. Arbeitslosen-Bashing ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für das Funktionieren des Systems. Die Alternative zu schlecht bezahlten Jobs unter unwürdigen Bedingungen, muss noch schlimmer sein als diese Jobs. Nichts anderes ist mit dem Satz gemeint: »Arbeit muss sich wieder lohnen!«


Arbeitslos und nicht mal politisch aktiv


Das Wohnprojekt, in dem ich lebe ist aus einem Häuserkampf hervorgegangen. Damals war es einer unserer wichtigsten Inhalte gewesen, uns gegen soziale Ausgrenzung zu stellen. Ich habe es immer an meinem Zuhause geschätzt, nicht der sozialen Ächtung wegen meiner Arbeitslosigkeit ausgesetzt zu sein. Jetzt fühle ich mich auch hier nicht mehr sicher davor.


In einem Gespräch, das ich geführt habe, wurde mir vorgehalten, ich würde mich persönlich sehr angegriffen fühlen. So was ist typisch. Meine persönliche Betroffenheit zieht meine Objektivität in Zweifel. Wie wäre es denn bei einer frauenfeindlichen Äußerung speziell gegen mich? Da würde ich mich auch persönlich angegriffen fühlen. Würde man mir deswegen die Fähigkeit absprechen, meine persönliche Beleidigung in einen gesellschaftlichen Kontext einzuordnen? Leider kommt auch das sehr oft vor.


Ich bin nicht politisch aktiv, obwohl ich so viel Zeit habe. Was für eine sinnlose Existenz ich doch führe. Ist denn politische Aktivität eine Beschäftigungstherapie? Geht es da nicht viel mehr um ein

Anliegen, um ein Bedürfnis, das absolut nichts damit zu tun hat, ob man arbeiten geht oder nicht?


Der Vorwurf, ich würde den ganzen Tag über nichts tun, fällt für mich unter protestantische Arbeitsethik. Müßiggang ist aller Laster Anfang, nicht wahr? Die moderne Form davon ist, dass alle immer unheimlich busy sind. Busy kommt von Business. Wer das nicht ist, gibt vor es zu sein. Es gibt in der Gesellschaft sogar schon das Phänomen des Schein-Workoholismus. Der Workoholismus ist die einzige Suchtkrankheit für die man geachtet und nicht verachtet wird.

Sterben kann man daran allerdings genauso wie an Drogen und Manche brauchen zusätzlich noch

Drogen um das auszuhalten. Auch das dient dem Systemerhalt. Preisdumping, Lohndumping, Arbeitsverdichtung, Standortvorteil, Gewinnmaximierung, Mehrwert schaffen.


Ja, ich beschwere mich über das Jobcenter, wenn ich von dort verstärkt unter Druck gesetzt werde. Ich werde unter Druck gesetzt, so wie alle, die Sozialleistungen beziehen, damit ich einknicke und mir entweder einen Job suche oder mir Kürzungen reingedrückt werden können. Das setzt meinem Gemüt zu und ich beklage mich darüber. Ich suche Erleichterung für meine Seele. Na und? Andere beschweren sich über ihren Chef, ihre Kollegen, Kommilitonen, Dozenten oder darüber, dass sie nie Zeit haben. Dann hört doch auf Arbeiten zu gehen, anstatt euch zu beschweren!


Ich denke, dass Menschen von sich aus das Bedürfnis haben der Gesellschaft einen nützlichen Beitrag zu leisten. Ebenso gehe ich davon aus, dass es dem Selbstwertgefühl allgemein zuträglich ist, für sich selbst sorgen zu können. Ich bezweifele allerdings, dass alles, was als Arbeit bezahlt wird ein nützlicher Beitrag ist.


Hören wir auf damit der Hetze auf den Leim zu gehen. Auf Hilflosen herumzuhacken, mag eine bequeme Möglichkeit bieten sich selbst besser zu fühlen und Frust abzubauen. Langfristig unterstützen wir damit aber nur die eigene Machtlosigkeit uns für unsere eigenen Interessen und für unsere Würde gegen die herrschenden Verhältnisse einzusetzen .


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