November 2014 - DDR 1989

Der vergessene Herbst der Utopie

In diesem Jahr feiert die herrschende Politik am 9. November 25 Jahre Mauerfall und damit den Siegeszug des kapitalistischen Systems auf dem Gebiet der ehemaligen DDR.

In der Umbruchsituation am Ende der DDR ging Besetzen leichter: Mainzer Straße in Berlin-Friedrichshain 1990 Foto: Kappa/Umbruchbildarchiv

Renate Hürtgen, Berlin und Anne Seeck, Redaktion Berlin Wir möchten daran erinnern, dass es eine Zeit gab, da war die DDR das freieste Land der Welt. Die alte Macht war gebrochen, eine neue hatte sich noch nicht als endgültig herausgebildet. Das war die Zeit der Runden Tische, der Basisgruppen in den Betrieben und demokratischen Initiativen im ganzen Land. Hier wurde ganz real an einer anderen Zukunft für die DDR gebastelt. Die Utopien des Herbst 1989 scheinen aber vergessen zu sein.

Die bisherigen »real-sozialistischen« Verhältnisse haben sich allerdings als antiemanzipatorische Sackgassen erwiesen. Deshalb ist für die Suche nach Alternativen zum Kapitalismus im 21. Jahrhundert eine radikal emanzipatorische Neubestimmung von Theorie und Praxis der antikapitalistischen Linken notwendig.

Wir, das ist die Selbsthilfegruppe Ei des Kommunismus, die sich anlässlich der Kommunismusdebatte im Jahre 2011 gebildet hatte und sich nach der Durchführung von drei Veranstaltungen erweiterte. Anlass war für uns zunächst im Januar 2010 eine Veranstaltung im Berliner Kato, die sich ideologisch mit der Reinwaschung des sogenannten real existierenden Sozialismus in der DDR hervortat. Im Gestus und auf dem Niveau des DDR-Staatsbürgerkundeunterrichts erfuhren die BesucherInnen über die DDR nun, dass diese im Gegensatz zur Behauptung mancher Linker sozialistisch gewesen sei, dass natürlich die Partei im Interesse des Volkes geherrscht und das Volkseigentum im Interesse des Volkes gestaltet und verwaltet habe. Im Raum herrschte eine bedrohliche Stimmung gegenüber DDR-KritikerInnen. Der Vortrag, den Inge Viett hier gehalten hatte, wurde sodann von der jungen welt publiziert und zum Auslöser der auch in der breiteren publizistischen Öffentlichkeit geführten »Kommunismusdebatte« a la DDR. Befeuert wurde diese Debatte durch die von der jungen welt im Januar 2011 veranstaltete Kommunismus-Konferenz mit Inge Viett, der DKP- Vorsitzenden Bettina Jörgensen sowie der PDL-Vorsitzenden Gesine Lötzsch. Durch das eindeutig uneindeutige Statement von Gesine Lötzsch wurde ihr zuvor in der jungen welt publizierter »Kommunismus«-Artikel nun zum Skandalon der PDL, mit dem bürgerliche Medien und Politik diese wieder einmal durchaus nicht grundlos vor sich her treiben konnten.

In dieser Stimmungslage organisierten wir drei Veranstaltungen: »Die Linke und der 'real existierende Sozialismus'«, »Wie sozialistisch war der 'real existierende Sozialismus'?« und »Raus aus dem Kapitalismus- aber wohin? Konkrete Utopien heute«. Es gelang uns, neunzehn ReferentInnen aus verschiedensten Spektren, Marxisten und Libertäre, DDR-Oppositionelle und Westautonome, Bewegungslinke und VertreterInnen der Linkspartei zu gewinnen. Auf unserem Blog finden sich die Mitschnitte der Veranstaltungen: http://eidesk.wordpress.com/. Zudem ist das Buch »Was tun mit Kommunismus?!«mit Beiträgen der ReferentInnen im Jahre 2013 im Unrast-Verlag erschienen: http://www.unrast-verlag.de/gesamtprogramm/allgemeines-programm/politik-gesellschaft/was-tun-mit-kommunismus-399-detail Heute sind wir ein Diskussionskreis, der sich einmal im Monat trifft.

Das besondere an diesem Kreis ist, dass hier Menschen unterschiedlichster politischer Herkünfte – Anarchisten, Trotzkisten, Alt- und Neumarxisten aus Ost und West - zusammen diskutieren. Die Arbeit ist nicht ganz problemlos, auch, weil sich akademisch Geschulte und Praktiker_innen der Sozialarbeit um gegenseitiges Verständnis bemühen müssen. Aber die Mühe lohnt sich, eben auch darum, weil auf diese Weise sehr unterschiedliche Erfahrungshintergründe und Traditionen aufeinandertreffen, die in ihrer Kombination im besten Fall etwas Neues hervorbringen können. Was treibt die Mitglieder dieses Arbeitskreises um? Letztlich ist es die Frage nach einer neuen linken Perspektive, einer Zukunft jenseits von Kapitalismus und »Realsozialismus«, jenseits bisheriger feststehender Wahrheiten.



 

 

Schwerpunktbeiträge November 2014

Auf den Schwerpunktseiten elf bis vierzehn beantworten Neun Mitglieder des  Diskussionskreises "Ei des Kommunismus" – fünf DDR-Sozialisierte- Ostblog, vier BRD-Sozialisierte- Westblog – vier Fragen. Fragen nach den alternativen Ideen und der Praxis 1989. Warum es nicht zum Zusammengehen von Ost- und Westlinken kam. Und was noch relevant für die heutige Zeit sei. Zudem antworten einige auf die Zusatzfrage »Was ist links?«. Eine gültige Antwort haben sie wohl alle nicht. Aber die Debatte ist eröffnet.


Aus dem Inhalt


Karriereverweigerungszentrum

Der Haushund Anwalt ist in Sachen Kariereverweigerung ein echtes Vorbild. Foto: Dana Berg

 

Das Haus Bartleby, so nennen es die drei Karriereverweigerer, ist offen für alle, die es ernst meinen mit der Karriereverweigerung und humorvolle Geschichten des Gelingens erzählen möchten. Ganzen Beitrag lesen

Rettet das Saatgut!

Im Frühjahr diesen Jahres waren Cynthia und Alba vom Netzwerk der "HüterInnen der Samen des Lebens" (RGSV*) und Tonio von der kolumbianischen Agrarkoordination CNA auf Einladung von Longo maï in Europa unterwegs.

Autonome Flüchtlingskooperative

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Am 22. Februar 2014 fanden im festlich geschmückten "Rancho" der Finca Sonador die Feierlichkeiten des 35. Jubiläums der Gründung der Flüchtlingskooperative in Costa Rica statt.


Eltern-Kind-Büros

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Selbständiges Arbeiten und Kinderbetreuung nach eigenen Ideen gestalten, das ist die Idee der Eltern-Kind-Büros. Während die Kids malen und toben, gehen die Eltern in einem ruhigen Raum ihrer Arbeit nach.

Politisch feiern in Hamburgs Sternenschanze

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Am 28. September besuchten 8.000 HamburgerInnen das Schanzenfest. Gefeiert wurde wie seit 25 Jahren – ebenso lang wie die Rote Flora besetzt ist.

Arbeitslose Deutsche abschieben?

gezeichnet von Adrien Tasic

Fragt der Beitrag, auf Grund der Schikane gegenüber Hartz 4 Empfängern. Nicht einmal vor linken Projekten macht diese gesellschaftliche Stimmungsmache halt. Ganzen Beitrag lesen

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