Gesellschaft transformieren – aber wie?

Heute nennen wir es Degrowth


Anderes Wirtschaften hat viele Namen: Genossenschaften praktizieren es seit mehr als 150 Jahren, in den 1970er/80er Jahren sprachen wir von Alternativen Ökonomien. Insbesondere aus feministischen Zusammenhängen wurden damals Subsistenzperspektiven formuliert (Subsistenz = Selbstversorgung), heute geht es um Fragen nach dem Lebensnotwendigen, um Sorgeökonomien und Care-Revolutionen. Solidarische Ökonomien und Commons dienen als Kristallisationspunkte sowohl für theoretische Betrachtungen, als auch für Projekte anderen Wirtschaftens. Und nun also Degrowth ...


Von Elisabeth Voß, Redaktion Solidarische Ökonomie Wachstumskritik, Decroissance oder Degrowth, Postwachstum oder Entwachstum – die Diskurse kommen aus unterschiedlichen inhaltlichen und politischen Richtungen, aber sie kratzen alle an dem fast schon religiösen Glauben, nur eine wachsende Wirtschaft sei eine gute Wirtschaft. Das Thema ist nicht neu. Schon 1972 erschien die Studie »Die Grenzen des Wachstums« des Club of Rome. Im Zuge von Peak Oil, Klimawandel und Wirtschaftskrisen zweifeln immer mehr Menschen an einem Wohlstand, der auf Wirtschaftswachstum und sozialstaatlichem Ausgleich basiert. In Krisenzeiten sprießen die Alternativen und öffnen sich Möglichkeitsräume für Experimente. Ideen von Selbstorganisation und Erfahrungen aus selbstverwalteten Projekten, die in CONTRASTE seit 30 Jahren veröffentlicht werden, zeitweilig ein wenig verstaubt und vom Vergessen bedroht erschienen, haben wieder Konjunktur. DIY ist der neue Trend – Do It Yourself, gemeinsam mit anderen, fröhlich und selbstbewusst: »We want the world and we want it now«, wie es die Doors schon in den 1960ern gesungen haben. Die neuen Maker – so nennen sich diejenigen, die mithilfe digitaler Techniken machen, produzieren, das herstellen, was sie möchten – diese tatkräftigen Programmierer, Hacker und Bastler (in diesen Bereichen selten Frauen), aber auch ModemacherInnen und urbane GärtnerInnen, sie alle packen zu. Machen selbst und selbstbewusst. Es gibt keine Probleme, sondern nur Herausforderungen, für die Lösungen gefunden werden. Theoretische Ansätze werden nach Bedarf zur Begründung hergenommen, mehr oder weniger reflektiert. Vor allem eignet sich der Commons-Diskurs als Begleitmusik des Teilens, alles umsonst und offen, vom Ich zum Wir.


Heilsbringer in Krisenzeiten ...


Um die vorletzte Jahrhundertwende, vor dem ersten Weltkrieg, und dann noch einmal in der Weimarer Republik, waren die Hochzeiten der Lebensreformbewegung. Von links-sozialistisch und anarchistisch bis nationalistisch und stramm rechts reichte die politische Bandbreite. Die bekanntesten Beispiele Monte Verita (Berg der Wahrheit) am Lago Maggiore im Schweizer Tessin (ein Tagungshaus und Museum erinnern heute noch daran) und die Obstbaugenossenschaft Eden in Oranienburg (eine heute noch bestehende Siedlungsgenossenschaft) waren geprägt von mehr oder weniger politischen oder esoterischen Ideen von Befreiung, vegetarischer Ernährung, Ausdruckstanz, FKK und anderen Elementen eines Zusammenlebens, das vor allem ganz anders sein sollte als der einengend empfundene bürgerliche Alltag. Wanderprediger jeglicher Couleur suchten AnhängerInnen für ihre Rettungsideen. Ulrich Linse schrieb 1983 in »Barfüßige Propheten. Erlöser der zwanziger Jahre«: »Gewiß, mit dem Ende der Inflationsjahre verliert sich auch die Wirksamkeit jener banal-erhabenen Heilsbringer, aber nur, weil nun ein größerer und begabterer Prophet die Bühne betritt. Wenige Jahre später, als die Weltwirtschaftskrise alle schlummernden Dämonen wieder weckt, als wieder verzweifelte, gehetzte, nach Wundern und Erregung hungernde Menschen nach Offenbarung, Glauben und neuer, schützender Gemeinschaft suchen, ist er da, der Trommler, der Meister, der Führer: Adolf Hitler.«


... und neue Gemeinschaftlichkeiten


In der Legitimationskrise der bürgerlichen Gesellschaft nach den StudentInnenprotesten 1968 waren alternative Bewegungen mit Landkommunen und selbstverwalteten Betrieben und Projekten die freundlichere Alternative zu dogmatischen K-Gruppen (Sammelbegriff für kommunistische Gruppen wie KPD-AO, KPD-ML, KBW und andere). Während es damals eher ums Aussteigen aus einer autoritären Gesellschaft und den Aufbau klandestiner Nischen ging, ist heute Einsteigen angesagt. Die Sehnsucht nach Gemeinschaft äußert sich zum Beispiel in einem Boom von Wohnprojekten, überwiegend als Baugemeinschaften derjenigen, die es sich leisten können, mit Unterstützung einer Gruppe individuelles Eigentum zu erwerben. Aber auch das Mietshäuser Syndikat wächst, das gemeinschaftliches Wohnen zu günstigen Mieten organisiert. Hier können alle mitmachen. In einem Syndikatshaus zu wohnen ist ausdrücklich nicht daran gebunden, einen bestimmten finanziellen Beitrag leisten zu müssen. Die Stiftung trias, eigens zur Verhinderung von Bodenspekulation und zur Unterstützung gemeinschaftlichen Wohnens gegründet, hat 2009 ein Buch herausgebracht: »Raus aus der Nische - rein in den Markt! Ein Plädoyer für das Produkt ›gemeinschaftliches Wohnen‹«.


Sehnsucht nach Gemeinschaft strahlen auch die regionalen »Energiefelder« der Gemeinwohlökonomie (GWÖ) aus. Neben dem monetären Erfolg wird in der GWÖ ebenso das Erreichen ökologischer, sozialer und demokratischer Ziele bilanziert, Konkurrenz soll durch Orientierung am Gemeinwohl ersetzt werden. Zur GWÖ bekennen sich Unternehmen, Vereine, PolitikerInnen und Privatpersonen. Auch die Tageszeitung taz möchte eine GWÖ-Bilanz erstellen. Im studentischen Projekt Gemeinwohlbilanzierung an der TU Berlin wurden 2013/14 Tools für die gemeinwohlorientierte Personalsuche, Bedürfnisanalyse und Wertebasierte Entscheidungsfindung entwickelt. Das Motto der Projektwerkstatt: »Man schafft niemals Veränderung, indem man das Bestehende bekämpft. Um etwas zu verändern, baut man neue Modelle, die das Alte überflüssig machen« (Richard Buckminster Fuller, US-amerikanischen Architekt). In ihrer Abschlusspräsentation verkünden die Tutoren: »Wir kennen (jetzt) eine ökosoziale Marktwirtschaft als Alternative zum Raubtierkapitalismus« und sind »dadurch bestens gerüstet für Arbeiten in der Führungsebene«.


Auch VertreterInnen der trendigen »Teilen ist das neue Haben«-Bewegung möchten die Welt verbessern. Der als Sharing-Experte geltende US-amerikanische Kulturwissenschaftler Charles Eisenstein propagiert eine Commons-basierte Wirtschaft des Teilens: »Wo es viel Car-Sharing gibt, werden weniger Autos gebraucht. Das ist auch Degrowth.« Dabei stört es ihn nicht, dass auch große Konzerne daran verdienen: »Man kann Geld machen in der Share-Economy. Google hat dadurch viel Geld verdient, aber die traditionellen Medien haben noch mehr verloren. Sie ist Teil des Degrowth« (die Zitate stammen aus einem Interview in der taz Beilage »Sharing City Berlin« vom 30.05.2014). Dass sich mit Teilen Geld verdienen lässt, zeigt auch das Beispiel des Shareconomy-Unternehmens Uber, das Privatpersonen vernetzt, die mit ihrem Auto auf Spendenbasis andere mitnehmen möchten. Interessierte werden kumpelig mit »Du« angesprochen. Jedoch ist Uber keineswegs ein Flaggschiff der Selbstorganisation, das der Profitwirtschaft den Garaus macht. Im Gegenteil organisiert sich hier eine neue Stufe der globalen Konkurrenz. Dieses Sharing-Konzept bedroht lokale Taxiunternehmen, unter anderem finanziert von Google und Goldman Sachs, wie Axel Hansen in der ZEIT online am 25.04.2014 berichtete.


Die Idee des Teilens kommt fast unabweisbar freundlich daher, wirft jedoch die Frage auf, wer hier eigentlich mit wem teilt. Sharing-Projekte basieren in der Regel auf dem Internet, dessen Infrastrukturen und Funktionsbedingungen alles andere als freundlich sind. Exorbitanter Energie- und Ressourcenverbrauch sowie Überwachung durch Konzerne und Geheimdienste geben den vielen Kontakten und Informationsmöglichkeiten einen bitteren Beigeschmack. Die Auswirkungen des hypertrophierenden digitalen KoKonsums sind mindestens fragwürdig. Einer von vielen Wachstumstreibern ist die Herstellung elektronischer und anderer Produkte mit dem Ziel des möglichst schnellen Veraltens oder Verschleißens (Stichwort geplante Obsoleszenz). Vielleicht erinnert sich noch die eine oder der andere daran, dass in der DDR grundlegend anders produziert wurde. Der Mangel an Rohstoffen und Material zwang zu äußerster Sparsamkeit und Stabilität. So war bereits das Design von Gebrauchsgegenständen auf lange Lebensdauer angelegt, Recycling war in der Gesellschaft verankert und wurde weitaus wirksamer praktiziert als in der westdeutschen Wegwerfgesellschaft.

Weltretter?

Je größer die Fragen, desto größer auch die Gefahr, dass mit einfachen Lösungen totalitäre Antworten gegeben werden. So strebt zum Beispiel die Zeitgeist-Sekte (The Zeitgeist Movement/TZM) Gleichheit und Ressourcenschonung durch technische Effizienz an. In ihrer »Ressourcenbasierten Ökonomie« sollen Entscheidungen nicht mehr von Menschen getroffen werden, sondern »durch den Gebrauch wissenschaftlicher Methoden und den Einsatz von Computern ... ›Politik‹ ist überholt, denn ihre Prozesse sind zum größten Teil subjektiv und lassen sich wissenschaftlich nicht belegen.« Die NPD spricht sich mit ihrem Konzept einer »Raumorientierten Volkswirtschaft« für lokale und regionale Wirtschaftskreisläufe und gegen Privatisierungen und Wirtschaftswachstum aus und schrieb bereits in ihrem Bundestagswahlprogramm 2005: »Nicht Konjunktur und Wirtschaftswachstum haben Grundprinzipien der Wirtschaft zu sein, sondern Bedarfsdeckung und Ressourcenschonung.« Wenn aus dieser Ecke vom Gemeinwohl die Rede ist, dann scheint zumindest zwischen den Zeilen sehr laut der NS-Leitsatz »Du bist nichts, dein Volk ist alles« durch.


Aufstrebende Bewegungen ziehen unterschiedliche Menschen an, und stehen vor der Herausforderung, den Kern und Inhalt ihrer jeweiligen Anliegen herauszuarbeiten und zu kommunizieren, und die Grenzen dessen, was noch dazu gehört und was nicht, zu definieren. Auch Freiräume und Open-Everything-Zusammenhänge ziehen ihre Grenzen entweder ausdrücklich oder durch gelebte Praxen. Grenzenlose Freiheit gibt es nicht, und wer sie verkündet, zeigt damit entweder grenzenlose Naivität oder bewusstes Kalkül zur Wegbereitung für das Recht der Stärkeren. Ein Beispiel dafür, wie das kuschelige Gemeinwohl ins totalitäre Gegenteil kippen kann, erlebte ich auf einem Empfang, als ein Vertreter der GWÖ die Frage in den Raum stellte, wie denn wohl in einer demokratisch verfassten Gesellschaft mit Gemeinwohlschädlingen umzugehen sei. Auf diese Nazi-Sprache gab es von den zahlreich anwesenden Demokratie-AktivistInnen keinerlei Reaktion.


Wem nützt es?


Den Boden der Spekulation zu entziehen, den Vorrang ökonomischer Ziele in Unternehmen zugunsten von mehr ökologischer, sozialer und demokratischer Verantwortung zurück zu fahren, und Wege zu erproben, die wegführen vom Immer-Mehr-Haben-Wollen, sind wichtige Ansätze. Ebenso wie die vielen anderen Versuche, inner- oder außerhalb der Marktwirtschaft, mit oder ohne staatliche Strukturen, andere Formen des Wirtschaftens zu organisieren, die der Erfüllung von Bedürfnissen dienen und nicht der Gewinnerzielung. Skepsis ist jedoch angesagt, wenn eine Lösung für alle Probleme angepriesen wird, und wenn allzu vollmundig das eigene Konzept in den Vordergrund gestellt wird, statt sich solidarisch in eine Reihe zu stellen mit den vielen Versuchen anderen Wirtschaftens. Der Degrowth-Ansatz steht – ebenso wie andere alternative ökonomische Sichtweisen und Praxen – vor der Herausforderung, sich nicht auf Sach- und Fachdiskussionen zu beschränken, sondern immer auch die Frage der Interessen aufzuwerfen. Die Ablehnung einer profitorientierten Wirtschaftsweise, ebenso wie Demokratie und globale Gerechtigkeit als konsensfähige Zielstellungen, sind erstmal nur Worthülsen, die mit unterschiedlichen Inhalten gefüllt werden. Es gilt also, nicht nur genau hinzuschauen, wem die zerstörerische Ausbeutung von Mensch und Natur nützt, sondern ebenso kritisch zu fragen, wie und mit welchem Interesse sich die gesellschaftlichen Kräfte organisieren, die der herrschenden Ökonomie etwas entgegensetzen wollen.


Die Vorbereitungsgruppe der Degrowth-Konferenz hat mit einem ausführlichen Reviewverfahren die vielen eingereichten Workshop-Vorschläge auf Rechtslastigkeit, Rassismus und Sexismus überprüft. Die Recherche nach Organisationen, Personen und dahinter stehenden Finanziers ist mühsam und bringt mitunter widersprüchliche Ergebnisse. Einfache Verknüpfungen, wer wann mit wem was zu schaffen hatte, können wertvolle Hinweise geben, reichen aber oft nicht aus. Manchmal können Befragungen im Umfeld dubios erscheinender Organisationen oder Gespräche mit Aktiven, deren Verhalten oder Äußerungen Fragen aufwerfen, mehr Klarheit bringen. Je dringlicher Lösungen auf die großen Fragen nach gerechten Lebensverhältnissen auf diesem Planeten gesucht werden, desto wichtiger ist es, genau hinzuschauen und aufmerksam zu bleiben gegenüber neuen Heilsbringern, die den Wunsch nach Gemeinschaft für ihre Zwecke ausbeuten. Naive Begeisterung ist ebenso wenig hilfreich wie verschwörungstheoretischer Verfolgungswahn. Angesichts des Booms an Heilslehren scheint es mir wichtig, zu unterscheiden zwischen Organisationen und ihren professionellen VertreterInnen, die oft fragwürdige Interessen vertreten, und gutgläubig Suchenden. Das Benennen von Widersprüchen und Ambivalenzen, und die Wertschätzung von Kritik sind Grundhaltungen, die meines Erachtens für die Degrowth-Konferenz, ebenso wie für andere alternativökonomische Diskurse, dringend notwendig sind.



CONTRASTE ist Unterstützerin der Degrowth-Konferenz.

Die Autorin Elisabeth Voß hat als Beirätin der Degrowth-Konferenz am Review-Verfahren zur Auswahl der Workshops mitgewirkt und beteiligt sich mit eigenen inhaltlichen Beiträgen an der Konferenz.


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