REFORM ODER REVOLUTION

Bildmontage: www.GOTTSELIG.net

Im Jahr 2018 geschieht etwas Merkwürdiges: Obwohl bereits seit langem gestorben, konkurrieren zwei Männer um unsere Aufmerksamkeit. Beide wurden vor 200 Jahren im heutigen Rheinland-Pfalz geboren und wuchsen keine 200 Kilometer voneinander entfernt auf. Beide, obwohl gesundheitlich schwer eingeschränkt, verfolgten zählebig ihre Anliegen. Beide hatten Töchter, die sie dabei aufopferungsvoll unterstützten über ihren Tod hinaus. Beide werden als Protagonisten grundlegender sozialer Konzepte gesehen. Beide veränderten mit ihren Ideen die Welt: Karl Marx und Friedrich Wilhelm Raiffeisen.

Burghard Flieger, Redaktion Genossenschaften

Das Spektrum an Veranstaltungen, Ausstellungen und Veröffentlichungen, das zu Ehren von Friedrich Wilhelm Raiffeisen und Karl Marx stattfindet, ist breit und vielfältig. Erstaunlicherweise wird kaum versucht, beide in ihren Biographien, ihren Konzepten und ihren Wirkungen direkt miteinander zu konfrontieren: Der Wettkampf der Jubilare und ihrer Epigonen wird auf Distanz ausgetragen. Dies bleibt unverständlich. Auch wenn ihre Vorschläge auf den ersten Blick wenig kompatibel erscheinen, wäre deren inhaltliche Gegenüberstellung für anstehende gesellschaftspolitische Aufgaben erhellend.

Zu den wenigen fundierten Versuchen einer Gegenüberstellung gehörte der gesellschaftspolitische Thementag im Haus am Dom in Frankfurt am 14. April 2018 unter dem Titel »Reform oder Revolution«. Die Katholische Akademie ging dort mit Marx und Raiffeisen im Rücken der Frage nach: Wie werden heute Wirtschaft und Politik aus demokratischer und genossenschaftlicher Sicht gedacht und konzipiert? Wo finden gemeinwohlorientierte Ökonomien und Politiken ihre Plätze? Was haben Raiffeisen und Marx uns zur gegenwärtigen multiplen Zivilisationskrise zu sagen?

In der von 60 Interessierten besuchten Veranstaltung wurde deutlich: Ideen und Vorschläge jenseits der herrschenden neoliberalen Denke und Praxis finden sich bei Marx und Raiffeisen reichlich. Die Gegenpole Revolution oder Reform, Lokalität oder Globalität, christliche Ethik oder humaner Atheismus sind einige der zahlreichen Denkanstöße, die sich aufgreifen lassen. Beide haben Veränderungsprozesse angestoßen. Beide haben zur genossenschaftlichen Thematik wichtige, gegensätzliche Wege proklamiert. Auf jeden Fall, so wurde auf der Veranstaltung deutlich, lässt sich mit Marx und Raiffeisen hervorragend über wirtschafts- und sozialpolitische Alternativen reden!

In unserem Schwerpunkt »Reform oder Revolution« wird das aufgegriffen. Die Ergebnisse sind frappierend. So können Raiffeisen und sein Konzept heute besonders als Spiegel mit hohem Kritikpotential gegenüber den aktuellen etablierten Genossenschaften fungieren. Im Mittelpunkt stehen dabei das permanente Wachstum und damit der Verzicht auf jegliche Überschaubarkeit und Transparenz und damit Einflussmöglichkeiten der »einfachen« Mitglieder. Marx und sein Konzept enthalten vor allem für neue Genossenschaften erhebliches Anregungspotential, sobald sie weitergehende Wirkungen in Richtung eines anderen Wirtschaftens erzielen wollen. Der frühzeitige Aufbau überbetrieblicher, ja internationaler Solidarität, gefestigt über wirtschaftliche Kooperationsstrukturen und Solidaritätsfonds, gehören dabei zu den Kernelementen. Der Schwerpunkt selbst soll als Anstoß für eine weitergehende Diskussion verstanden werden.

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