LEBEN IN ZEITEN DER WOHNUNGSNOT

»Stop Zwangsräumungen« steht auf englisch und spanisch auf den Aufklebern, die sich dieser Berliner Demonstrant auf die Brille geklebt hat. Foto: Matthias Coers

Die Abwanderung aus den ländlichen Gebieten in die Städte geht ungebrochen weiter. Besonderen Zuspruchs erfreuen sich die städtischen Hotspots. Unzureichender Wohnungsneubau und eine immer geringer werdende Zahl an sozial geförderten Wohnungen verschärfen die Situation.

THILO BROSCHELL, BERLIN

Aus ganz Europa zieht es Menschenin die Ballungsräume, bedingt durcheine große Zahl an gefragten Arbeitsplätzen, Bildungsangeboten, Universitäten und einem breiten Kulturangebot. Nicht mehr nur Metropolen wie Berlin, Hamburg oder München, sondern auch Städte wie Leipzig, Wolfsburg oder Karlsruhe erleben einen regen Bevölkerungszuwachs. Auch die vielen geflüchteten Menschen werden eine Wohnung brauchen und die Nachfrage nach bezahlbaren Wohnungen weiterverschärfen.

Es kommen zudem immer mehr Menschen aus dem verarmten Osten Europas, die oft nicht den geforderten Ansprüchen des Arbeitsmarktes genügen und auch von Sozialleistungen ausgeschlossen sind. Sie bleiben trotzdem in den Städten, werden obdachlos, leben in so genannten wilden Camps oder auf Brachen unter elenden Bedingungen. Diesem gesamten Zuwachs steht nur ein völlig unzureichender Wohnungsneubau gegenüber. Gerade an bezahlbaren sozial geförderten Wohnungenbesteht ein großer Mangel.

Verschärft wird die Situation dadurch, dass mehrsozial geförderte Wohnungen aus der Sozialbindung fallen, als neue gebaut werden. Sozial geförderter Wohnungsbau wird auch heute noch mehrheitlich für einen Zeitraum von 20 bis 25 Jahren subventioniert, danach können die Wohnungen dann zum Marktpreis vermietet werden. Auch die alten Werkswohnungen wurden in der Vergangenheit zu Geld gemacht und gehören heute kapitalmarktorientierten Unternehmen wie DeutscheWohnen oder Vonovia.

Diese ganze Misere wollen wir in diesem Schwerpunkt reflektieren und die Diskussion über einen neuen Sozialen Wohnungsbau befördern. Einen Vorschlag hat dazu die Berliner Mietergemeinschaft mit ihrer Initiative für einen neuen kommunalen Wohnungsbau vor wenigen Jahren gemacht. Dass es darum geht, auch den Anfängen zu trotzen, wird mit dem Beitrag "Living in a box: Der Trend zu Kleinstwohnungen" deutlich. So wird wieder verstärkt diskutiert, durch das Herunterschrauben von Standards preiswerter zu bauen und die neue Wohnungsnot dazu benutzt, Wohnungen mit kleinstem Zuschnitt zu planen − mit dem Argument, die Menschen würden ja schon heute mit weniger Quadratmetern auskommen.

Passend dazu beleuchten wir in einem Interview die neue Form der "inneren Verdrängung". Denn immer mehr Menschen teilen sich eine Wohnung, oft bleiben Paare in einer kleinen Wohnung, obwohl das erste und das zweite Kind dazukommen. Der Platz muss trotzdem für alle reichen, weil bezahlbare Wohnungen in den Kiezen und anderswo schlicht nicht existieren. Auch das Jobcenter ist ein reger Akteur in dieser neuen Konstellation.

Einige Personengruppen treffen auf besondere Schwierigkeiten, wie der Beitrag "Wohnen für psychische Kranke" verdeutlicht. Der Beitrag zum "informellen Wohnen" zeigt auf, dass in vielen Fällen nicht mehr von Wohnungen, sondern schon von Elendsbehausungen gesprochen werden muss. Demgegenüber stehen die neuen oder alten Tempel der Macht in der neuen Mitte Berlins. Genau diese Mächtigen sind es, die weiterhin einem Interesse ansteigenden Bodenpreisen und Mieten folgen und ihren unstillbaren Hunger nach Profit befriedigen. Die Wohnungsnot sorgt dafür, dass die Vermieter heute immer einfacher ihre Mieter aussuchen können. Das verstärkt die rassistische Ablehnung bei Vermietern − Menschen ohne einen deutsch klingenden Namen haben es zunehmend schwer, eine Wohnung zu bekommen, wie der Beitrag über die spanischsprachigen MigrantInnen zeigt.

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