Gemeinschaftlich, generationenübergreifend, selbstverwaltet

Alles begann Anfang 2017: Fünf Stuttgarterinnen und Stuttgarter, die nicht alleine, sondern gemeinsam mit anderen leben wollen, haben das Heft in die Hand genommen, sich zusammengeschlossen und das selbstverwaltete Wohnprojekt Kesselhof angeschoben. Ein Beispiel für anderes Wirtschaften und anderes Wohnen nach dem Modell des Mietshäuser Syndikats.

KESSELHOFERiNNEN, STUTTGART

Im März haben wir das Objekt gesichtet: ein Häuserensemble mit Hof und Garten im Stuttgarter Stadtteil Botnang. Nicht nur das Objekt, sondern auch die Lage ist bestechend: Fünf Minuten Fußweg vom Wald, drei Minuten Fußweg zur U-Bahn-Haltestelle und acht Minuten mit der U-Bahn in die Stuttgarter Innenstadt. Wer den Wohnungsmarkt in Stuttgart kennt, weiß wie schwer es ist, dort ein geeignetes und bezahlbares Objekt zu finden und sich gegen Bauinvestoren durchzusetzen. Doch wir haben es geschafft. Mit der GLS Gemeinschaftsbank haben wir in kurzer Zeit eine solide Basisfinanzierung auf die Beine stellen können, mit zusätzlichem Eigenkapital und Direktkrediten von UnterstützerInnen. Nur zwei Monate später haben wir den Kaufvertrag unterzeichnet. Im Moment wohnen wir bereits zu fünft in einem der Häuser, dem kleineren Vorderhaus, noch unrenoviert aber doch bewohnbar, während das Hinterhaus, das größere, saniert wird. Sobald dieses dann im Herbst 2018 fertig ist, wird das Vorderhaus saniert. Die Häuser werden ressourcenschonend und mit einem guten energetischen Standard sowie teilweise barrierefrei saniert.

Wir KesselhoferInnen haben ein großes Netzwerk, da sich die meisten von uns entweder im Bio-Mitgliederladen »plattsalat« engagieren oder dort Mitglied sind (plattsalat gibt es seit 20 Jahren, hat über 600 Mitglieder und ist im Stuttgarter Westen gut verankert) oder sind in anderen Projekten wie zum Beispiel dem Freien Lastenrad e.V. engagiert. So können wir auf viele helfende und unterstützende Hände »bauen«. Mittlerweile legendär sind unsere Abriss­partys, zu denen wir seit Oktober 2017 in regelmäßigen Abständen zum Helfen aufrufen und zu denen bis zu 30 Menschen kommen, weil sie unser Vorhaben wertschätzen, die Vision darin sehen können und daran teilhaben möchten oder weil sie einfach Freude am gemeinschaftlichen Arbeiten haben. Auch die Nachbarschaft ist uns gegenüber positiv gestimmt. Gleich im Sommer 2017 haben wir ein Fest und einen Tag der offenen Tür veranstaltet, zu dem Nachbarn, Freunde und Familien eingeladen wurden. Das wurde von der Nachbarschaft gut angenommen.

In Zusammenarbeit mit unseren beiden ArchitektInnen aus Stuttgart, unserem Bauleiter und unserem Energieberater haben wir es geschafft, einen Sanierungsplan zu entwickeln, der sowohl den Charakter des Häuser­ensembles hervorhebt, als auch den Bedürfnissen unserer Hausgemeinschaft dient und zusätzlich unserem Wunsch nach energetisch sinnvollem Sanieren entgegenkommt. Diese Ziele erfordern aufwendige Sanierungsarbeiten, für die wir Handwerker gesucht haben, mit denen wir viel in Eigenleistung umsetzen können.

Der Name des Projektes »Der Kesselhof« knüpft an die frühere Nutzung der Gebäude an, und auch an die Geschichte von Botnang. In den Häusern befand sich eine Dampfwaschanstalt mit einem Kesselraum, und Botnang selbst war bis zur Industrialisierung bekannt als »das Dorf der Wäscher und Bleicher«.

Nachhaltig und sozial

Im Kesselhof werden wir dauerhaft bezahlbaren Wohnraum für Jung und Alt schaffen, der auch kommenden Generationen zur Verfügung steht. Hier können rund 15 Menschen zusammenleben, denen Gemeinschaftlichkeit, Teilen und Teilhabe wichtig sind. Bis jetzt gibt es sieben KesselhoferInnen im Alter von 40 bis 64 Jahren, aus unterschiedlichen Berufen: Künstlerin, vhs-Mitarbeiterin, plattsalat-Ladnerin, Übersetzerin, Sonderpädagogin, Moderator und Grafikdesigner.

Unser Projekt zählt zu den Vorreiterprojekten einer neueren Bewegung, die das Ziel hat, neue Wohnformen zu realisieren und weiterzuentwickeln. Sie ist eine Antwort auf die heutigen Bedürfnisse vieler Menschen, die aus veränderten Lebens-, Arbeits- und Wohnsituationen resultieren. Wir glauben, dass Projekte wie der Kesselhof weitere Menschen dazu inspirieren und anregen, über ihr eigenes Wohnen jetzt und in Zukunft nachzudenken und ähnliche Projekte für sich selbst zu entwickeln.

Eine Architektur, die das Miteinander fördert

Wir möchten im Kesselhof ein gemeinschaftsorientiertes, generationenübergreifendes und teilweise barrierefreies Wohnen umsetzen. Der Wohnraum soll kostengünstig sein, so dass auch Menschen mit wenig Einkommen darin wohnen können. Der Kesselhof wird eine Hausgemeinschaft werden: Neben den privaten Räumen der einzelnen BewohnerInnen werden wir großzügige Räumlichkeiten haben, die den Austausch und das Miteinander fördern sollen: eine große Küche mit Gemeinschaftsraum, eine Werkstatt, Teeküchen sowie einen Multifunktionsraum für Vorträge, Haustreffen, Workshops und Trainings. Der Multifunktionsraum wird auch anderen Initiativen im Quartier zur Verfügung stehen.

Gemeineigentum und sicheren Wohnraum schaffen

Da wir alle aus der Kerngruppe auf unterschiedliche Weise dem Bio-Mitgliederladen verbunden sind, war die Entscheidung, ein Mietshäuser Syndikatsprojekt zu werden, aus unserer Sicht nur logisch: anders wirtschaften und anders wohnen. Im Unterschied zu einigen anderen Wohnprojektformen sind solche Syndikatsprojekte kein Eigentum der einzelnen BewohnerInnen, sondern Gemeineigentum. Die Finanzierung und das Wohnen sind voneinander getrennt. Alle, die in den Häusern leben, zahlen Miete und mit der Miete wird der nötige Kapitaldienst geleistet. Das ist eine neue Interpretation der alten Idee von Gemeineigentum und Allmende, der ersten Projekte gemeinschaftlichen Wohnens und Arbeitens vor über 200 Jahren und eine, wie wir denken, zeitgemäße Weiterentwicklung mit dem Modell des Mietshäuser Syndikats. Das primäre Ziel: Wohnraum dem Immobilienmarkt entziehen, um es in Gemeineigentum zu bringen, sicher, dauerhaft und bezahlbar, auch für zukünftige Generationen verfügbar. Eine Notwendigkeit angesichts der Tatsache, dass Wohnen in Miete immer knapper und teurer wird.

Konkret bedeutet dies, dass es einen Hausverein gibt und eine GmbH, die das Haus besitzt – bei uns sind das der Kesselhaus e.V. und die Bohaus GmbH. Mitglieder des Hausvereins sind die BewohnerInnen des Wohnprojekts. Die Bohaus GmbH gehört dem Hausverein (und damit den BewohnerInnen) sowie dem Mietshäuser Syndikat als den beiden einzigen Gesellschaftern. Der Hausverein hält knapp über 50 Prozent und das Syndikat knapp unter 50 Prozent. Entscheidungen über Zimmervergabe, Finanzierung und Miethöhe fällt der Hausverein, also die Menschen, die im Wohnprojekt leben. Einen Wiederverkauf der Immobilie könnten nur die GmbH und das Mietshäuser Syndikat gemeinsam beschließen. Das Mietshäuser Syndikat stellt somit sicher, dass das Haus kein Spekulationsobjekt wird, die Mieten auf lange Zeit sozial verträglich bleiben und das Objekt nicht mehr dazu beiträgt, die Immobilienpreise und Mieten immer weiter hochzutreiben. Das Mietshäuser Syndikat ist inzwischen an über 120 Hausprojekten in ganz Deutschland beteiligt und wurde zum Vorbild für vergleichbare Modelle in Europa. Eine große und starke Gemeinschaft, die sich gegenseitig mit dem nötigen Know-how unterstützen kann. Die GLS Gemeinschaftsbank finanziert viele Projekte, die das Syndikatsmodell als Organisationsform gewählt haben, weil sie die gesellschaftlichen Ziele teilt. Deswegen finanzieren auch wir unser Projekt über die GLS.

Eine andere Welt ist möglich – auch beim Wohnen

Von Anfang an haben wir unser Wohnprojekt nie als nur etwas Privates gesehen. Wir wollen mit dem Kesselhof beispielgebend sein – unsere Idee soll in die Gesellschaft, die Kommunen und die Köpfe anderer Menschen ausstrahlen. Dabei arbeiten wir daran, auch klassische Akteure des Wohnungsbaus wie Wohnbauunternehmen, Banken, Kommunen und auch die Verwaltungen mittelfristig zu Veränderungen zu bewegen, damit es ähnliche Projekte in Zukunft leichter mit der Umsetzung haben. Denn Wohnen ist ein Menschenrecht. Das bedeutet, dass ausreichend Wohnraum in einer menschenwürdigen Wohnlage und Wohnqualität sowie sicher und bezahlbar zur Verfügung gestellt werden muss. Doch die Realität sieht leider anders aus. Wohnen in Miete wird knapper, teurer und zunehmend zur sozialen Frage, die uns alle vor große Herausforderungen stellt.

Wie wollen wir in Zukunft leben, wie wollen wir wohnen? Was können wir der bereits in allen Lebensbereichen vordringenden Maxime »Schneller – Höher – Weiter« entgegensetzen? Wie können wir dem uns innewohnendem Grundbedürfnis nach Verbindung mehr Raum geben, um den Wert von Solidarität und Gemeinschaftlichkeit wieder mehr spürbar und erfahrbar zu machen? Wie können wir wieder teilhaben und verantwortliches Handeln als einen Wert erkennen?

Vielleicht indem wir unsere eigenen Bilder einer Zukunft, die wir wollen im Sinne von Wilhelm Barkhoff schaffen: »Die Angst vor einer Zukunft, die wir fürchten, können wir nur überwinden durch Bilder einer Zukunft, die wir wollen«.

Der Kesselhof ist so ein Bild und kann eine von vielen Antworten und Anregungen für die vor uns liegenden Herausforderungen sein. Mit dem Wohnprojekt Kesselhof wollen wir ermutigen und aufzeigen, dass es mit mehreren Menschen gemeinsam leichter ist, als alleine neue Wege zu gehen. Wir wollen auch zur Diskussion anregen.

Wir glauben, dass Mehrgenerationenwohnen und das Teilen von Wohnraum und anderen Ressourcen eine zukunftsfähige Antwort auf immer knapper und teurer werdenden Wohnraum sein kann, eine Antwort gegen Armut und soziale Isolation und eine Art Reallabor, indem wir wieder solidarisches Handeln erlernen und unsere Ressourcen entdecken können. Wir können nicht warten, bis die Politik ihrer Verantwortung allen BürgerInnen gegenüber nachkommt. Wir können selbst wieder zu AkteurInnen werden und Lösungswege ausprobieren. Sich das Wohnen selbst zu gestalten, ist eine Art Ermächtigung und dahin kann die Reise gehen.

Ein solches Wohnprojekt in Stuttgart zu verwirklichen, schien lange Jahre unmöglich und doch ist es wahr geworden – und wird hoffentlich der Startschuss für viele weitere ähnliche Projekte.

Die KesselhoferInnen suchen noch private Kredite und Spenden und freuen sich über InteressentInnen: www.der-kesselhof.de

Mehr zum Mietshäuser Syndikat findet sich unter www.syndikat.org/de/

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