Solidarische Landwirtschaft über Kontinente hinweg

Könnte meine Tasse Kaffee seinen ErzeugerInnen ein faires, zukunftsträchtiges Einkommen ermöglichen? Könnte dieser Kaffee emissionsfrei transportiert werden? Und könnte dieser Kaffee auch noch außerordentlich gut schmecken? Die Initiative Teikei Coffee sagt: Ja. Sie bringt KaffeebäuerInnen in Mexiko und KaffeegenießerInnen in Deutschland zusammen und transportiert die Kaffeebohnen mit einem Frachtsegelschiff über das Meer. In Kassel haben Mitglieder der Solidarischen Landwirtschaft (Solawi) vor kurzem die ersten Tassen fair bezahlten, gemeinschaftlich finanzierten und gesegelten Kaffee genossen.

Manuela Wunderlich, Kassel

Daran, dass die Mitglieder der Solawi Kassel seit diesem Winter ganz besonderen Kaffee bestellen und trinken können, war eigentlich ein Urlaub schuld – mein Urlaub im Sommer 2017. Zum ersten Mal war ich mit einem Segelboot unterwegs und kam voller Begeisterung für dieses schöne Reisen im September wieder zurück. Natürlich konnte ich mir unter diesen Umständen einen Vortrag über Kaffee, Segeln und Solidarische Landwirtschaft in Kassel nicht entgehen lassen. So lernte ich das Projekt »Teikei Coffee« und seinen Gründer Hermann Pohlmann kennen, der in Sachen Kaffeevermarktung und Transport ganz neue Wege geht.

Pohlmann erzählte, wie er viele Jahre in Brasilien verbracht und dort ein Netzwerk und eine Vielzahl an Initia­tiven für solidarische Landwirtschaft aufgebaut hat (www.csabrasil.org). Im Laufe der Zeit entstand dabei die Frage, warum dieses Prinzip nur lokal funktionieren sollte. Was ist mit Produkten, bei denen ErzeugerInnen und VerbraucherInnen weit voneinander entfernt leben? Ist auch eine Solidargemeinschaft über Kontinente möglich? Die Gründung von Teikei Coffee tritt den Beweis für das Produkt Kaffee an.

Grundlage der Initiative ist der Zusammenschluss von ErzeugerInnen, den KaffeebäuerInnen in Mexiko, und einer Verbrauchsgemeinschaft, Kaffeetrinkende in Deutschland/Europa. Nach dem Solawi-Prinzip finanziert die Verbrauchsgemeinschaft den Anbau des Kaffees und erhält dafür im Gegenzug die Ernte. Dies wird über eine Vorfinanzierung bewerkstelligt: Die Verbrauchenden entscheiden sich für eine Jahresmenge an Kaffee, die sie vorbestellen. Diese Planungssicherheit macht die ErzeugerInnen in Mexiko unabhängig von schwankenden Marktpreisen.

Der Kaffee – Spitzenprodukt aus Mexiko

Die Arabica-Bohnen, die Teikei Coffee vertreibt, wachsen in der Nähe von Veracruz in Mexiko, unter anderem auf der Finca »El Equimite«. Da die Arabica-Pflanzen schattiges Terrain benötigen, setzen die mexikanischen KaffeebäuerInnen auf traditionellen Regenwaldanbau: Die Kaffeepflanzen wachsen im Schatten des natürlichen Regenwaldes, der dabei zu 70 Prozent erhalten bleiben kann. Der Anbau erfolgt nach ökologischen Kriterien; teilweise ist er Demeter-zertifiziert.

Hermann Pohlmann erläutert, dass der faire Preis, den die Initiative an die BäuerInnen für den Rohkaffee zahlt, in enger Absprache festgelegt wird. Ein durchschnittlich bezahlter »Fair Trade«-Preis von vier bis fünf Euro pro Kilogramm sichere zwar das Einkommen, biete der nachfolgenden Generation aber keine ausreichende Perspektive, die Arbeit in der Finca zu übernehmen, weil besser bezahlte Jobs in Städten locken. Teikei Coffee bezahlt daher 7,80 Euro pro Kilogramm Rohkaffee – ein Preis, bei dem sich auch die Kinder der KaffeebäuerInnen eine Zukunft auf der Finca vorstellen können.

Der Weg nach Deutschland – Transport mit dem Frachtsegelschiff

Die Nachhaltigkeit im Anbau und im Wirtschaften zogen für Pohlmann als logische Konsequenz auch die Notwendigkeit eines nachhaltigen Transports nach sich. Das war auch den BäuerInnen ein großes Anliegen. Containerschiffe, die üblicherweise genutzt werden, verwenden Schweröl und verursachen eine erhebliche Umweltverschmutzung. Nach Berechnungen des Naturschutzbundes verursachen die 15 größten Containerschiffe der Welt die gleiche Menge Luftschadstoffe (vor allem Stick- und Schwefeloxide sowie Feinstaub und Ruß) wie 750 Millionen PKW. Teikei Coffee setzt daher auf die Zusammenarbeit mit Timbercoast, die als eine von wenigen Firmen den Übersee-Transport von Waren mittels eines Frachtsegelschiffs anbietet und somit emissionsfreie Windkraft für den Transport nutzt.

Die grünen Kaffeebohnen sind rund drei Monate auf See unterwegs. Vom Hafen in Bremen reisen die Bohnen mit Bahn und Fahrradkurier nach Velburg bei Nürnberg, wo Bernhard Burnickl von der Spezialitätenrösterei GranoMoreno den Kaffee in traditioneller schonender Röstung zu einem Spitzenprodukt veredelt. Von Velburg aus wird der fertige Kaffee an die VerbraucherInnen versendet.

Kaffee für Kassel

Nachdem ich Hermann Pohlmann und Teikei Coffee kennengelernt hatte, stand für mich fest, dass unsere Solawi-Mitglieder von diesem Projekt erfahren müssen. Ich wollte Interessierten eine Möglichkeit zur Sammelbestellung anbieten. Es war nicht schwierig, meine Begeisterung für das Projekt weiterzugeben. So kam wenige Wochen später unsere erste Kaffee-Lieferung in Kassel an. Wir wissen nun aus eigener Erfahrung: Es gibt leckeren Kaffee, der fair bezahlt ist und kaum Emissionen verursacht hat. Dank Teikei Coffee!

Infos unter:

www.solawi-kassel.de

www.teikei-coffee.org

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