Revolution ist ein Prozess

Die Ideen der Landlosenbewegung sind kollektives Werk, das sich in 30 Jahren Kampf und Organisierung herausgebildet hat. Die Landlosenbewegung ist eine Bewegung von Bäuer*innen, die 600.000 Bauernfamilien in ganz Brasilien organisiert. Ihre drei Hauptziele sind der Kampf um Land, eine Landreform und ein radikaler Wandel der Gesellschaft.

Cassia Bechara, Brasilien

Bekanntlich ist Brasilien das Land mit der zweitstärksten Konzentration von Landbesitz weltweit. Das bedeutet: Ein Prozent der Bevölkerung besitzt mehr als 45 Prozent des Landes. Großgrundbesitz, Plantagen (Monokulturen für den Export) und Sklavenarbeit bilden die Grundlagen des brasilianischen Staats und der kapitalistischen Entwicklung Brasiliens. Die Demokratisierung des Landes bedeutet also einen Strukturwandel des Systems. Unsere hauptsächliche Taktik im Kampf um Land ist die Besetzung von Privatland durch landlose Familien. Dadurch stellen wir die Grundlage des Kapitalismus, den Privatbesitz, in Frage.

Das zweite Ziel ist eine Landreform, die weit über die Landverteilung hinausgeht. Es umschließt auch einen Wandel der Produktionsweise und die Schaffung neuer sozialer Beziehungen. Das dritte Ziel ist ein radikaler Wandel der Gesellschaft. Wir sind der Ansicht, dass die Sozialisierung von Land und eine wirkliche Agrarreform im Sinne der Bevölkerung im Kapitalismus nicht möglich sind. Sie müssen vielmehr Teil eines größeren politischen Projekts sein, das die ganze Gesellschaft einschließt. Unser Kampf geht also über einen bloß wirtschaftlichen hinaus und nimmt die Form eines politischen Kampfs an. Durch diese Kämpfe sammeln wir konkrete Erfahrungen, die die Art einer neuen Gesellschaft zeigen können. Immer noch innerhalb des kapitalistischen Systems, aber es sind reale Erfahrungen, die zeigen, dass es möglich ist, ein anderes System aufzubauen.

Demokratisierung

Das erste Ideal ist die Demokratisierung der Produktionsmittel und des Wohlstands, der von der Arbeiterklasse erzeugt wird. In diesem Sinn muss der Kampf für Land und Landreform in Form eines antikapitalistischen Kampfs stattfinden. Wenn wir ein Stück Land besetzen und es den Händen des Kapitals entwenden und es vom Volk angeeignet wird, dann kann dieses Land nicht mehr dieselbe Funktion haben wie unter der Kontrolle des Agro-Business und der Großgrundbesitzer, nämlich Exportgüter zu erzeugen, die Natur und die Arbeit anderer auszubeuten. Es muss eine soziale Funktion bekommen und der Bevölkerung zur Verfügung stehen. In unseren befreiten Gebieten – ich meine: befreit vom Großgrundbesitz und dem Kapital, unter Kontrolle der Bevölkerung – führen wir alternative Formen der Produktion und der sozialen Beziehungen ein, basierend auf kooperativer Arbeit. Das bedeutet nicht nur, Strukturen von Produktions- und Handelskooperativen aufzubauen, sondern auch Kooperationsgruppen in Gemeinschaftsarbeit wie zum Beispiel Frauen-Gruppen und -Netzwerke.

Mensch und Natur

Das zweite Leitbild für uns ist die Beziehung zwischen Mensch und Natur. Auf dieser Konferenz haben wir schon oft betont, dass die Naturzerstörung dem kapitalistischen Modell von Produktion und Konsum eingeschrieben ist. Um eine neue sozialistische Gesellschaft zu entwickeln, ist also nicht bloß eine Angelegenheit des Eigentumswechsels, nämlich die Kontrolle über die Produktion aus den Händen des Kapitals in die Hände des Volkes zu übertragen. Es handelt sich vielmehr darum, die Paradigmen der Produktion und des Lebens zu verändern.

In diesem Sinn ist Agrarökologie ein Produktionsmodell, das strukturelle Veränderungen in der Art wie wir unsere natürlichen Ressourcen gebrauchen fördert und das darauf hinwirkt, gesunde Nahrungsmittel für alle herzustellen. Damit ist es dem kapitalistischen Produktionsmodell diametral entgegengesetzt. Wenn wir also die landwirtschaftliche Produktion auf unseren Ländereien auf Kooperation und Agrarökologie basierend organisieren, bedeutet das: 1,5 Millionen Menschen, die in den Camps und Siedlungen des MST leben, zeigen der Gesellschaft und dem Kapital: »Ja, es ist möglich, ein anderes Modell der landwirtschaftlichen Produktion zu realisieren, das Mensch und Natur in den Vordergrund stellt anstelle des Profits. Wir tun es hier, und gemeinsam können wir es überall so machen.«

Humanistische Werte

Das dritte Leitbild sind die humanistischen Werte. Der Kapitalismus ist auf »Anti-Werten« aufgebaut: Gier, Individualismus, Konsumismus, Rassismus und Patriarchat. Die neue Gesellschaft kann nur auf einem revolutionären Humanismus aufgebaut werden, was Che Guevara als »die Bildung eines neuen Mannes und einer neuen Frau« bezeichnet hat. Eines Mannes und einer Frau, die die großen Probleme der Menschheit als ihr eigenes persönliches Problem betrachten, die »sich tief betroffen fühlen, sooft irgendwo auf der Welt jemand umgebracht wird, und große Freude spüren, wann immer sich die Fahne der Freiheit irgendwo auf der Welt entfaltet«, um Che zu zitieren.

Sozialismus

Unser viertes sozialistisches Leitbild ist die Volksmacht. Unsere neue Gesellschaft kann nur mit Beteiligung aller Menschen an dem gesamten Prozess und der Entscheidungsfindung in allen Sphären des Lebens entstehen. Es gibt historische Erfahrungen wie die der Sowjets (der Räte) und der Pariser Kommune sowohl als auch zeitgenössische Erfahrungen wie in Rojava, von denen wir lernen müssen.

Die Organisation

In der MST haben wir eine Organisationsstruktur, die die Beteiligung aller Menschen fördert, angefangen bei den »Familiengruppen« in den Camps, den »Produktionskollektiven« in den Siedlungen, den Sektoren der Bildung, der Gesundheit oder der Frauen. Das sind kollektive Strukturen, die die Beteiligung der Menschen in allen Belangen der Organisation des Territoriums ermöglichen sowie auch an den politischen Entscheidungen der MST.

Ein Beispiel dafür war unser sechster Nationaler Kongress. Alle fünf Jahre findet bei uns ein nationaler Kongress statt. Der sechste wurde im Januar 2014 veranstaltet. 17.000 Bauern, die alle Camps und Siedlungen der MST vertraten, haben daran teilgenommen. Die Organisation des Kongresses hat bereits zwei Jahre zuvor begonnen. Wir haben uns für drei Elemente entschieden, die wir diskutieren und darüber entscheiden sollten, wie wir unsere Strategien für die kommende Periode bestimmen/festlegen. Es waren folgende Elemente:

Unsere Organisationsstruktur: was sollten wir daran ändern, um mehr Beteiligung zu fördern? Was muss verändert werden und was sollten wir beibehalten?

Unser Verhältnis zum Staat: Sollten wir irgend eine Art von Beziehung zum Staat unterhalten? Falls ja, wie?

Welche Art der Landreform brauchen wir in diesem Stadium des Kapitalismus in der Agrarwirtschaft?

Zwei Jahre lang führten wir diese Diskussionen in allen Familien, allen Camps und Siedlungen der MST. In jeder Versammlung, in sämtlichen Schulen und Kursen diskutierten wir das. Nach diesem zweijährigen Prozess breiter Diskussionen kamen wir zu dem Ergebnis, dass wir die ersten beiden Elemente noch weiter diskutieren müssen. In Hinsicht auf das dritte Element führten die Debatten zur Erarbeitung unseres Agrarreform-Projekts, der Landreform des Volkes.

Hinsichtlich der vier zentralen Bestandteile, die unser revolutionäres Projekt bestimmen, stehen wir vor einer Reihe von Aufgaben und Herausforderungen, denen wir uns stellen müssen.

Politische Bildung

Die erste Aufgabe ist die politische Bildung: Um eine neue Gesellschaft aufzubauen, um dem Kapitalismus entgegenzutreten, müssen wir ein tiefes Verständnis entwickeln, wie der Kapitalismus funktioniert und für seine Widersprüche. Um die Realität verändern zu können, müssen wir sie begreifen. Wenn ich von politischer Bildung spreche, spreche ich nicht nur von politischer Bildung unserer Kader und Kämpfer. Ich spreche von der Bewusstmachung der Gesellschaft auf allen Ebenen.

Seit unseren Anfängen hat MST die Politik in den Vordergrund gestellt. In allen Staaten, in denen MST sich organisiert hat, haben wir Schulen für politische Bildung, für Basis- oder Graswurzel-politische Bildung aller Bauern in unseren Camps und Siedlungen. Diese theoretische politische Bildung kann man nicht vom praktischen Kampf trennen. Der Kampf lehrt in der Praxis; die Theorie verbessert unsere Praxis.

Wenn sich eine Familie entscheidet, an einer Landbesetzung teilzunehmen, wenn sie gemeinschaftlich einen Zaun niederreißt, lernt/erfährt sie praktisch, dass Privateigentum nicht heilig ist, dass es abgeschafft gehört. Und die Theorie gibt ihnen Hinweise, ihren Kampf von einem ökonomischen Kampf (Land bekommen, um meine eigenen persönlichen Probleme zu lösen) zu einem politischen Kampf weiterzuentwickeln (wir müssen die Probleme der Gesellschaft als ganzer/insgesamt lösen).

2005 haben wir unsere Nationale Schule eröffnet, die Kurse in politischer Bildung für Kämpfer und Kader/Funktionäre der MST ebenso wie für brasilianische und lateinamerikanische politische Graswurzel-Bewegungen und Organisationen anbietet. 2005 haben wir begonnen, auch Jahres-Kurse in politischer Bildung auf Englisch zu halten, die für die Teilnahme von Kämpfern und Kadern von Bewegungen aller Kontinente offen sind. Mehr als 200 Aktivist*innen/Kämpfer*innen aus über 80 verschiedenen Organisationen aus 35 Ländern haben an drei Jahrgängen dieses internationalen Kurses teilgenommen, einschließlich verschiedener Genossen der kurdischen Bewegung.

Basisarbeit

Unsere historische Mission als revolutionäre Bewegungen und Organisationen ist es immer, die Menschen zu organisieren, um Klassenbewusstsein zu entwickeln und für Veränderung zu kämpfen. Die Menschen nicht nur am Arbeitsplatz zu organisieren, sondern in allen Sphären des Lebens: in der Kommune, der Nachbarschaft, in Schulen und auf kulturellem Gebiet. Die Frauen, die Jugend, die Älteren zu organisieren. Die Revolution wird nicht das Werk weniger aufgeklärter Menschen sein. Sie wird das Werk des Volkes sein. Nur dann werden wir die wahre Macht des Volkes erreichen.

Internationale Solidarität

Der Kampf gegen den Kapitalismus muss gerade deswegen international sein, weil der Kapitalismus global herrscht. Klassen- und internationale Solidarität der Völker ist nicht nur ein moralisches revolutionäres Prinzip, sondern sie ist notwendig für den Kampf, um den Kapitalismus zu besiegen. Wir müssen internationale Netzwerke und Plattformen schaffen und stärken, die uns zusammenbringen. Bei aller Verschiedenheit müssen wir herausfinden, was uns eint. Wir müssen fähig sein, Erfahrungen auszutauschen und voneinander zu lernen. Gern möchten wir die Gelegenheit bekommen, einige Kämpfer des MST zu entsenden, um von den Erfahrungen Rojavas zu lernen. Und wir laden die kurdischen Genossen ein, zu uns zu kommen und einige Zeit in unseren Territorien zu verbringen. Ebenso müssen wir aber auch eine gemeinsame politische Plattform ausarbeiten, die zu einem gemeinsamen Aktions- und Kampfplan führt. La Via Campesina beispielsweise ist eine internationale Koalition von über 170 Bewegungen von Bauern, Indigenen, Kleinbauern, Landarbeitern aus 80 Ländern weltweit mit einer gemeinsamen Plattform für den Kampf um Land, um Nahrungssouveränität, gegen die transnationale Agrarindustrie und für neue Modelle landwirtschaftlicher Produktion. Am 17. April ist der Internationale Tag des Kampfs der Bauern, an dem Bewegungen und Organisationen von La Via Campesina Kämpfe und Mobilisierungen weltweit organisieren werden, um der Agrarindustrie entgegenzutreten und für Landreformen zu kämpfen. In Lateinamerika sind wir dabei, ALBA-Bewegungen aufzubauen, die antikapitalistische und antiimperialistische Bewegungen aus allen Ländern Amerikas zusammenbringen.

Kapitalismus bekämpfen

Der Kapitalismus erlebt eine strukturelle Krise und seine Widersprüche kommen an seine Grenzen. Es gibt keinen Ausweg innerhalb des Systems. Und der Kapitalismus wird nicht von selbst absterben. Wir müssen ihn niederringen. Das heißt, alle kapitalistischen Strukturen zu konfrontieren und zu bekämpfen. Den Staat als die bürokratische Struktur, die das System aufrechterhält. Aber auch das Kapital in all seinen Formen: transnationale Konzerne und das Finanzkapital. Denn faktisch kontrolliert im heutigen Kapitalismus das Kapital die Staaten.

In diesem Sinn sind alle antikapitalistischen Kämpfe wichtig und notwendig und müssen unterstützt werden. Wie unser Genosse Zilan sagte: »Wir müssen Widerstand leisten, revoltieren und das Neue schaffen.« Und alles gleichzeitig.

Außerdem sollten wir die Kämpfe nicht romantisieren. Revolution ist ein ständiger Prozess, der nicht ohne Fehler und Widersprüche ablaufen wird. Nur wenn wir die Fehler erkennen und den Widersprüchen ins Auge sehen, werden wir fähig sein, in Richtung einer humanen Emanzipation voranzukommen.

Auszug aus dem Vortrag der Landlosenbewegung Brasiliens vom Kongress »Die Kapitalistische Moderne herausfordern II«.

übersetzt von Ariane Dettloff

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