Tauschen leicht gemacht

Ist der Markt erst ruiniert, tauscht es sich ganz ungeniert. Nun ja, ganz so zynisch müssen wir es ja nicht betrachten, dennoch versucht der Tausch-, Leih- und Schenkladen in Eberswalde einen Gegenentwurf zu unreflektiertem Konsum und sozialer Ungleichheit zu liefern. Der Laden ist eine von vielen Initiativen getragener Ort und steckt voll wahnsinnig guter Ideen, die das ganze Stadtentwicklungskonzept in Eberswalde sozial und ökologisch zu beleben.

Claudia Dube, Berlin

Der Tausch-, Leih- und Schenkladen in der Eisenbahnstraße ist einer der Orte in Eberswalde, die aus der Initiative »Leerstand kreativ nutzen« wachsen durften. Bereits 2014 legten die fünf Initiativen wandelBar, ALNUS e.V., Hebewerk e.V., Freiraum und der Tauschring Eberswalde ein Konzept vor, das den Folgen des demografischen Wandels der ländlichen Region begegnen kann. Auch wenn der Bevölkerungsrückgang, möglicherweise auch durch den Standort der Hochschule für nachhaltige Entwicklung, leicht verlangsamt ist, so machte die Initiative in ihrem Konzept darauf aufmerksam, dass laut dem Institut der deutschen Wirtschaft, in einigen Regionen Ostdeutschlands jede fünfte Wohnung bis 2030 überflüssig sein wird.

Die wohl größte politische Herausforderung, vor denen die Kommunen bei immer knapper werdenden finanziellen Mitteln stehen, ist der Erhalt einer vor allen Dingen sozialen Infrastruktur, die alle Mitglieder einer Gesellschaft am sozialen und kulturellen Leben teilhaben lässt. In dem von den Eberswalder Initiativen vorgelegten Konzept wird betont: »Lokale Initiativen, die die Probleme vor Ort kennen und innovative Wege zur Lösung dieser Probleme entwickeln, werden zu geschätzten Partnern einer modernen und demokratischen Stadtentwicklung.«

Diesen Partnern Raum zur Verfügung zu stellen, um zueinanderzufinden, sich zu vernetzen, kreativ zu werden und anderes mehr, das sollte Aufgabe der Stadt werden. So ergab sich als politische Folge aus dem vorgelegten Konzept zwar nicht das gewünschte Kreativzentrum im Herzen der Stadt, aber es ist ja noch nicht aller Tage Abend. Dennoch gibt es immerhin eine Bezuschussung für die Betriebskosten für den Tausch-, Leih- und Schenkladen in der Eisenbahnstraße.

Glenn Rossow, einer der Autoren des Konzepts »Leerstand kreativ nutzen«, ist Projektkoordinator des Tauschladens. Als gebürtiger Eberswalder und langjähriger Beobachter vieler Prozesse in der Kreisstadt des Barnim, ist der 53-jährige Bauunternehmer einer jener Aktiven, die bürgerschaftliches Engagement und demokratisch-selbstorganisatorische Entwicklung maßgeblich vorantreiben. Er erzählt uns im Interview, dass es den Tauschladen in der Eisenbahnstraße seit anderthalb Jahren gibt. Hier können Menschen, die keinen Nutzen mehr für brauchbare Dinge haben, sich derer entledigen und wiederum andere Menschen die diese gut gebrauchen können, davon profitieren.

Aber hier kann nicht nur getauscht werden, es gibt auch einen Leihbereich für Dinge, die man eben nicht alltäglich braucht. Das schont die Ressourcen. »Es wird zu viel produziert und über die Hälfte weggeschmissen«, sagt Jens, der tatkräftig beim Aufbau des Ladens geholfen hat und das Konzept darüber hinaus auch im sozialen Sinne wichtig findet, da es eben auch Leute gibt, die die hohen Preise nicht zahlen können.

Um den Laden regelmäßig öffnen zu können, ist ehrenamtliche Arbeit gefragt. So arbeiten derzeit ca. 8 Leute an drei Tagen die Woche von 16 – 19 Uhr, um den Laden am Laufen zu halten. Und fast im gleichen Atemzug benennt Glenn die vielen Bürger – ob Rentner, Schüler, Studenten oder andere – die Sachen bringen, Sachen holen und so zum Bestehen des Ladens beitragen. So seien bereits über 800 Stunden an Arbeit in den Laden geflossen, um ihn überhaupt in einen nutzbaren Zustand zu bringen. So würde auch eine Küchenzeile eingebaut, die ihren Nutzen hin und wieder für eine ›Küche für Alle‹ unter Beweis stellen konnte. Insgesamt wurden hier also nicht nur die Räumlichkeiten aufgewertet, sondern, wie im Konzept »Leerstand kreativ nutzen« angedacht, ein Beitrag zur Entwicklung der sozialen Infrastruktur in Eberswalde geleistet.

Da insbesondere der Leihbereich gut bestückt und nachgefragt ist, wäre es wünschenswert mehr Raum zur Verfügung zu haben, der eine Möglichkeit bietet, die Sachen auch angemessen präsentieren zu können. Auch wäre ein größerer Gruppenraum für Bürgertreffs oder Treffen anderer Gruppen angebracht, um dem Gesamtkonzept des Tausch,- Leih-und Schenkladens noch weiter gerecht zu werden.

Wir können also gespannt sein, wie sich die Idee gepaart mit der Initiative der Aktiven weiter entwickelt. Platz ist genug in der Eisenbahnstraße. Hier wird es eine Frage der Finanzierung sein, inwieweit das Konzept ausgebaut werden darf. Wir freuen uns schon auf mehr Präsenz des Tausch-, Leih- und Schenkladens im Herzen von Eberswalde und darauf, wie die Idee der kreativen Nutzung des Leerstands dieses wunderschöne kleine Städtchen weiter belebt.

Im Netz: http://brandenburg.imwandel.net/contraste400-tausch-leih-schenkladen-eberswalde

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