Unscheinbare Opfer bringen

84 Jahre nachdem das Denkmal des Anarchisten Gustav Landauer in München von den Nationalsozialisten zerstört wurde, weihten Sympathisant*innen eine neue Gedenkstätte auf dem Münchner Waldfriedhof ein.

Leonhard F. Seidl, München

Inmitten der Bäume und Gräber des Münchner Waldfriedhofs lauschten rund 30 Besucher*innen der Rede des Leiters des Stadtarchivs Dr. Stefan, bewacht von zwei Polizisten. Stefan berichtete von Landauers Rolle in der Münchner Räterepublik, in der er von Ministerpräsident Kurt Eisner als »Kultusminister« in das Parlament berufen wurde, um während der Revolution »durch rednerische Betätigung an der Umbildung der Seelen« mitzuarbeiten. Eine Revolution, die unblutig vonstattengegangen war, also ganz im Sinne des Pazifisten Gustav Landauer.

Landauer verabschiedete sich nach wenigen Tagen wieder aus seinem Amt, als Eisner, gedrängt von SPD-Mitgliedern, bereits eine Nationalversammlung und eine Wahl ausrief. Denn für Landauer bedeutete » ›Nationalversammlung‹..., dass die Revolution die Pferde ausspannt und in den Stall stellt. Ganz anderes tut not; und ich hoffe, ich werde durchsetzen, dass Bayern es tut und Wahlen zur Nationalversammlung vor der Schaffung eines neuen Geistes ablehnt«, schrieb er am 14. November 1918 in einem Brief an seinen Denkgefährten Martin Buber.

Für Landauer war die Revolution untrennbar verbunden mit einer Persönlichkeitsentwicklung des einzelnen Menschen als kontinuierlicher Prozess und nicht von oben oktroyiert oder ein einmaliges Ereignis. Der Kampf an der Barrikade war nie seines. Dafür forcierte er Gemeinschaftsprojekte ohne Privateigentum, in denen Produktionsmittel und Land allen gehörten. »Isolierte Individuen hat es gar nie gegeben; die Gesellschaft ist älter als der Mensch«, schreibt er dazu in »Die Revolution«. Er beteiligte sich an der Herausgabe literarischer und politischer Zeitschriften, wie »Der Sozialist« und engagierte sich kurz an der »Neuen Gemeinschaft«, in der ländliche Siedlungsprojekte realisiert werden sollten. Dort traf ert unter anderem Else Lasker-Schüler, Martin Buber und Erich Mühsam. Mit beiden Letzteren unterhielt er regen Briefkontakt und gründete 1908 den »Sozialistischen Bund«.

Victor Fraenkl nannte ihn in seinem Nachruf 1919 einen Mann, »der nicht zum Geschlecht der Parteizwerge gehörte ... der Parteitafeln zerbrach, um aus ihren Trümmern Steine zum Menschheitsbau zu formen.« Auch darum beteiligte sich Landauer auf Bitten Eisners hin an der Räterepublik und »schritt jenen voran, die den Sozialismus nicht zur Glückseligkeitslehre einer Klasse einengen wollte.« Als Kritiker des Materialismus hielt er nichts von der Diktatur des Proletariats. Wie viele Anarchist*innen, sah er die »Anwesenheit des Zieles in den Mitteln ... Freiheit kann man nicht mit unfreien Mitteln erpressen ...«, so der 2009 verstorbene Horst Stowasser. Landauer »wusste und verkündete, dass sie alle erlösungsbedürftig sind, der Arme und der Reiche, dass sie alle durch die Zerklüftung und Zerrissenheit leiden. Ihm galt einer nicht schon als edel, weil er arm, und nicht darum als schlecht, weil er reich war«, schrieb Fraenkl.

Der am 7. April 1870 in Karlsruhe geborene Gustav Landauer war Kind jüdischer, nicht religiöser Eltern. In Heidelberg, Berlin und Straßburg studierte er Germanistik und Philosophie. Sein Denken war zeit seines Lebens vielseitig beeinflusst, weiß der Herausgeber »Ausgewählter Schriften« Gustav Landauers Siegbert Wolf. Er war Mitinitiator des Landauer Denkmals und kuratierte die Landauer-Ausstellung »Der werdende Mensch«. Seit 2008 gibt er fein editiert, mit Vorworten, Anmerkungen und Personenregistern dessen Bände im hessischen Verlag Edition AV heraus, kunstvoll illustriert von Uwe Rausch. Durchforstet man die Inhaltsverzeichnisse der »Schriften«, scheint es, als sei Landauer mit nahezu allen libertären und anderen Geistesgrößen jener Zeit in Verbindung gestanden und um die ganze Welt gereist. In Band eins »Internationalismus« widmet er sich treffenderweise u. a. Albanien, Bulgarien und Marokko. Gedanken zur Psychoanalyse, dem Judentum, zu Mystikern wie Meister Eckhart sind in weiteren Bänden zu finden, zu denen »Antipolitik« oder »Philosophie und Judentum« zählen.

Interessanterweise sah Landauer die Ehe, im Gegensatz zu vielen seiner anarchistischen Genoss*innen als Fundament, als essenziell für seine »föderativ vernetzte Gemeinschaftskonzeption« an, wie der Landauer-Experte Wolf schreibt. Landauer, der sich 1903 von seiner ersten Frau Margarethe Leuschner scheiden ließ, um im gleichen Jahr die Übersetzerin und Lyrikerin Hedwig Lachmann zu ehelichen, nannte sich selbstironisch einen »altmodischen Menschen«. Trotzdem beteiligte er sich wie selbstverständlich an der Hausarbeit, wie auch an der Erziehung seiner zwei Töchter Susanne und Brigitte. Was vor knapp hundert Jahren eine wahre Revolution darstellte. Und vor allem distanzierte er sich von den sexistischen Aussagen seiner Kollegen, Bakunin, Proudhon und Kropotkin, die in Politik, Forschung und Lehre keinen Platz für Frauen sahen.

Landauer beschäftigte sich mit Nietzsche und ganz besonders intensiv mit den Dramen William Shakespeares. Er kritisierte nicht nur die Marxist*innen, sondern ging auch mit anderen hart ins Gericht, weshalb er von einigen nicht mehr als Genosse angesehen wurde. Seine Schrift »Aufruf zum Sozialismus«, die er immer wieder in Reden von sich gab, fand ungemeinen Widerhall. Dann wird er verraten, verhaftet, in München Stadelheim eingesperrt. Einen Tag nach seiner Verhaftung wird er am 2. Mai 1919 von Freikorps-Soldaten brutal ermordet. Einzige Strafe für einen Täter ist ein Strafbefehl in Höhe von wenigen Hundert Mark. Nur durch Landauers großen Bewunderer- und Freundeskreis wird ihm erst einige Jahre später ein Denkmal zuteil. 1933 beschließt das Münchner Stadtparlament die Gräber »Marxistischer Revolutionäre« zu vernichten. Auch das Denkmal des Materialismus-Kritikers Landauer. Seine sterblichen Überreste samt Rechnung werden an die jüdische Gemeinde gesandt, die erst einmal die Annahme verweigert, weil in Landauers Akten stets von einem nichtgläubigen Menschen die Rede ist.

Vor zwei Jahren dann initiierten Wolf und Peter Kühn, Vorstandsmitglieder der Martin Buber-Gesellschaft, das Denkmal. Wolf ist positiv überrascht, dass der Ältestenrat es bereits nach zwei Jahren verwirklicht hat. »Auch der Kurt-Eisner-Verein beschäftigt sich derzeit ausführlich mit der Revolution«, so Julia Killet, die Regionalbüroleiterin der Rosa-Luxemburg-Stiftung Bayern »auch zur anarchistischen Bewegung.« Sie wurde allerdings nicht in die Veranstaltung eingebunden. Es macht fast den Anschein, als würde die Stadt München, die Ehrung dieses einzigartigen Revolutionärs für sich behalten wollen.

Wenig verwunderlich also, dass am Abend zur Landauer-Ausstellungseröffnung »Der werdende Mensch« in der Wagenburg »Stattpark-Olga« mehr Menschen gekommen sind. Gustav Landauer hätte es hier, an diesem Ort gelebeter Utopie, gefallen.

Landauer hat mit seinem Werk ganze Generationen freiheitlich denkender Menschen wie Walter Benjamin und Ernst Bloch beeinflusst. Und auch der Enkel des deutschlandweit bekannten Bibliothekars und Anarchosyndikalisten Fritz Oerter aus Fürth, der heute 90-jährige Alfred Hierer, berichtet: »Den Namen Landauer habe ich oft gehört.« Hierers Großvater schrieb nach Landauers Tod im »Syndikalist«: Der Unverstand, die Borniertheit siegt über den Geist - nein, nicht über den Geist, sondern über den Körper. Landauers Name und Verdienst wird leben und gelten, wenn von seinen Widersachern längst jede Spur verweht sein wird.«

Als Material für das Denkmal wählte der Bildhauer Markus Knittel Basalt, den er brutal spaltete, so, wie Landauer ermordet wurde. Das blau verlaufene Glas soll die Lücke dazwischen füllen damit es noch »heller und verheißungsvoller seine Ideale in die Gegenwart trägt.« Es trägt Landauers berühmte Worte aus dem »Aufruf zum Sozialismus«: Jetzt gilt es, noch Opfer anderer Art zu bringen, nicht heroische, sondern stille, unscheinbare Opfer, um für das rechte Leben ein Beispiel zu geben«

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