»Neu gesetzte Pflanzen muss man immer gießen«

Mit seiner merkwürdigen Kistenlandschaft und den lustigen Beeten voller Blumen mit fantasievollen Strukturen hat sich der Allmende Kontor auf dem Tempelhofer Feld zu einem der beliebtesten Anziehungspunkte Berlins entwickelt. Wie es dazu kam, erzählt Elisabeth Meyer-Renschhausen, eine der Gründerinnen des interkulturellen Gartenprojekts.

Luca Asperius, Berlin

Es scheint unwahrscheinlich, dass Elisabeth Meyer-Renschhausen ahnen konnte, dass sich aus dem Gründungstreffen mit zwölf erfahrenen Gartenaktivist*innen, damals 2010, eine so erfolgreiche Geschichte, wie die des Allmende Kontors entwickeln wird. Mittlerweile zählt der interkulturelle Gemeinschaftsgarten auf der Neuköllner Seite des Tempelhofer Feldes circa 250 Hochbeete und mehr als 500 Gärtner*innen aus fast jeder Ecke der Welt. Er hat sich etabliert - ebenso wie das Tempelhofer Feld selbst - als ein anerkanntes Zeichen für Bürgerbeteiligung in Berlin und Widerstand gegen die Privatisierung des öffentlichen Raumes in der Stadt.

Damals, obwohl der Garten noch nicht gegründet war, gab es dennoch einen passenden Namen. »Allmende ist natürlich Programm »to reclaim the commons«, das Zurückholen der Allmenden, der Flächen, die gemeinschaftlich-genossenschaftlich bewirtschaftet werden« erklärt Elisabeth. Kein Wunder, dass ein solches Programm kein einfaches Leben haben kann in einer Stadt wie Berlin, wo der Druck der Investoren und der Bauindustrie es zu oft geschafft haben, die Politik und die Verwaltung der Stadt zu beeinflussen.

Als 2008 der Tempelhofer Flughafen schloss, war tatsächlich geplant, ein Teil des Feldes zu bebauen. Um Investoren zu begeistern, wurde das ganze Areal »Tempelhofer Freiheit« genannt. Auch das Pionierprojekt, in dessen Rahmen der Garten startete, sollte dazu dienen, fast als eine Art geplante Gentrifizierung. Deswegen gab es die damalige Vorgabe: Man durfte nichts in den Boden pflanzen. Der Garten sollte beweglich sein. Sobald seine grundstückswertsteigernde Rolle erfüllt gewesen wäre, hätte er verschoben werden können, um neuen Gebäuden Platz zu machen. Viele Berliner*innen waren aber gegen jedwede Bebauung des Feldes und 2011 startete die Bürgerinitiative »100% Tempelhofer Feld«: Unterschriften wurden fleißig gesammelt, um einen Volksentscheid durchzusetzen. Am 25. Mai 2014 haben etwa 740.000 Berliner*innen, die deutliche Mehrheit, gesprochen: keine Bebauung des Tempelhofer Feldes!

Zu diesem Zeitpunkt war der Garten schon reif: Ein Verein wurde gegründet, mit circa 100 Mitgliedern. Die Gärtner*innen kommen aus fast 20 Ländern, auf dem Feld ist keine Sprache fremd, auch weil: »Die Hauptaufgabe ist Interkulturalität zu fördern, also Flüchtlingen und Migranten, insbesondere auch Eltern mit wenig Geld die Möglichkeit zum Gärtnern zur Verfügung zu stellen« sagt Elisabeth. Auf einer Fläche von 5.000 qm findet man jetzt, was man fast als Dorfgarten bezeichnen könnte. Die 250 Beete sind kreativ gestaltet und mit Flaggen und Zeichnungen dekoriert. Blumen und Farben sind überall. Oft sind Bänke und Sitzplätze in die Hochbeete integriert, um abends bequem den Sonnenuntergang genießen zu können. Es gibt sogar einen Dorfplatz, ausgestattet mit sturmfestem Zelt und Lagerraum für die gemeinschaftlichen Geräte. Das ist nicht nur der Ort für die Plenen, sondern auch ein Treffpunkt für die ganze Nachbarschaft. Als wir uns dort zum Interview trafen, war der Platz schon besetzt: eine Kindergartengruppe saß auf dem Holzboden. Thema des Unterrichts: Abfalltrennung. Wir haben gern eine Weile gewartet.

Wie kann man ein so großes Projekt organisieren? Der Großteil der Arbeit ist ehrenamtlich. Die Gärtner*innen sind in 5 Gruppen geteilt und teilen sich während des Jahres die Hauptaufgaben, die erfüllt werden müssen. Die größte Aufgabe, die Tanks mit Feuerwehrwasser zu füllen (wie fast in jedem Gemeinschaftsgarten), aber auch zum Beispiel die Verantwortung für den Kompost oder die Pflege des Bienenbeetes. Sachkosten sind, dank der Unterstützung durch die Mitgliedsbeiträge, Spenden von Privatpersonen und Stiftungen (unter anderem die Anstiftung-Ertomis, immer aktiv in diesem Bereich) gedeckt. Über Fördergelder, um eine Grundfinanzierung des Projektes zu realisiern, wurde auch diskutiert: wie immer gibt es Vor- und Nachteile. Gärten, die staatlich gefördert sind, sind in der Regel stabiler, aber man macht sich eben auch abhängig von den Geldern. Auf jeden Fall war schnell klar, dass die Selbstorganisation bei einem so großen Projekt nicht einfach ist.

Es ist nämlich nicht alles nur Blumen und Sonnenschein: »manchmal habe ich das Gefühl, dass die älteren Gärtner*innen mittlerweile nur noch Bierflaschen und nicht mehr das Gemüse ernten. Das ist eine komische Verschiebung der Benutzung so eines Gemeinschaftsgartens« scherzt Elisabeth. Der Erfolg des Gartens, kombiniert mit der Location – das Tempelhofer Feld ist vielleicht der beliebteste öffentliche Park, nicht nur der Berliner*innen, sondern auch der Touristen*innen– birgt neue Herausforderungen: »wir haben unendliche Besucherscharen, manchmal gehen wir fast ein an zu großer Beliebtheit, könnte man sagen.«

Diese Beliebtheit hat auch den Effekt gehabt, dass der Allmende Kontor sich als Knoten eines breiteren Gartennetzwerks entwickeln konnte. In Berlin (wie auch in vielen anderen Städten der Welt) ist die Gründung von neuen grünen Projekten in den letzten paar Jahrzehnten exponentiell gestiegen. Neben Kinderbauernhöfen, die schon Anfang der 80er aktiv waren, kamen gegen 2003 die ersten Gemeinschaftsgärten hinzu; Zehn Jahre später gab es schon fast 100 Initiativen. Sie unterstützen sich gegenseitig und teilen ihre Erfahrungen und Ressourcen. Eine Karte wurde erstellt, um einen Überblick über die zahlreichen Projekte zu bekommen.

Das bringt uns zurück zum Namen Kontor. »Wir wollen vielen neuen Projekten dabei helfen, ähnliche Projekte zu gründen; wachsen wollen wir nicht, 500 Gärtner*innen – das ist genug - aber wir wollen gerne helfen dass ähnliche Projekte, gleich dahinten, auf dem Tempelhofer Feld entstehen«. Ein gutes Beispiel steht direkt gegenüber: ein Verein aus Neukölln hat in einem Container eine Fahrradselbsthilfe-Werkstatt gestartet, in der Jugendliche aus dem Kiez mithelfen und mitmachen können. Für die Stromversorgung des Containers wurde in Kooperation mit einem anderen Verein ein kleines Windrad gebaut. Man kann sagen: auf dem Tempelhofer Feld gibt es neben selbstorganisierten und -produzierten Lebensmitteln auch selbstorganisierte und dezentral produzierte Energie.

Wenn wir Elisabeth bitten uns einen Rückblick über das Projekt und den Prozess zu geben, sagt sie uns stolz: »eigentlich haben wir eine Sache wirklich erreicht, nämlich diese Idee der commons in die Gesellschaft zu bringen [...] eine sehr schön Form wie die Allmende Idee umgesetzt wurde [...] das Tempelhofer Feld als Ganzes ist jetzt als Gemeinheit von der Berliner Bevölkerung anerkannt und gesehen worden und als Gemeinheit haben sie sich für alle Berliner erhalten, als Erholungsfläche«. Der Weg ist noch lang, aber dieses Vorbild erlaubt optimistisch zu bleiben. Jüngere Generationen könnten sich dank des Allmende Kontors dem Gärtnern annähern und darüber hinaus auch lernen, was es bedeutet sich an einem kollektiven Projekt zu beteiligen. Aber nicht zu vergessen sei, wie Elisabeth sagt, während sie ein Hochbeet von der Peter-Lenné-Schule gießt: »Neu gesetzte Pflanzen muss man immer gießen«.

Info: http://berlin.imwandel.net/contraste397-allmende-kontor

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