Staatliche Offensive gegen ländliche Besetzungen in Spanien

Die besetzten Dörfer Fraguas (Guadalajara), Casa Selba (Aragón) und Urniza (Navarra) sind akut von Räumung bedroht. Die lokalen Behörden drohen mit hohen Geldstrafen und sogar mehrjährigen Haftstrafen für die Besetzer*innen. In den Pyrenäen ist die letzte Räumung über 10 Jahre her. Doch jetzt scheint der spanische Staat den Burgfrieden zu brechen und seine Präsenz in der spanischen Peripherie wieder stärken zu wollen. Die Besetzer*innen wehren sich dagegen.

Richard Sonntag, Berlin

Den Besetzer*innen des Dorfes Fraguas wird aktuell ein Verstoß gegen das Raumordnungsgesetz vorgeworfen. Im Falle einer rechtskräftigen Verurteilung kann dies eine Geldstrafe von 2.500 Euro sowie zwei Jahre Haft bedeuten. Hinzu können weitere zwei Jahre Haft kommen, wegen der Verursachung von »Schäden«, sowie eine Verurteilung zur Übernahme der Kosten von 26.779,17 Euro für die Zerstörung ihres instandbesetzten Dorfes. Bereits 2015 haben sechs der Besetzer*innen eine Anzeige wegen »Usurpation öffentlichen Geländes« erhalten.

Die offizielle Begründung bei Casa Selba ist, dass die Besetzer*innen die Waldbrandgefahr erhöhen. 2016 erstattete deshalb die CHE (Confederación Hidrográfica del Ebro) Anzeige und forderte die Räumung und strafrechtliche Konsequenzen für die Besetzer*innen, die davon erst April diesen Jahres erfuhren. Dass dies ein vorgeschobener Grund ist, lässt sich bei einer Geländebesichtigung leicht erkennen, da die Besetzer*innen in mühevoller Arbeit die umliegenden Waldflächen von brennbarem Unterholz befreit und den einst überwucherten Olivenhain wieder bewirtschaftbar gemacht haben. Im Kontrast dazu wirken die restlichen Wälder der CHE verwahrlost, da sie nicht gepflegt werden, was sie zu einem Pulverfass in der Region macht.

In Urniza ist der lokalen Umweltbehörde die Besetzung ein Dorn im Auge, die im April 2017 Strafanzeige gestellt hat, woraufhin eine 15-tägige Frist zum Verlassen des Gehöfts ausgesprochen wurde, zuzüglich einer Geldstrafe wegen nicht autorisierter Nutzung des Geländes. Besonders pikant dabei ist, dass es sich bei der aktuellen Regierung von Navarra um eine mitte-links Koalition handelt, in der unter anderem auch die hochgejubelte Widerstandspartei »Podemos« vertreten ist, und die mit dem Wahlspruch der »Regierung des Wandels« angetreten ist.

Zwar sind ländliche Besetzungen in Spanien besser vernetzt, als ihr isolierter Standort dies vermuten ließe, dennoch sind sie auf breite Unterstützung aus der städtischen Linken angewiesen, um öffentlichen Druck gegen die Räumungen aufzubauen. Auch aus Deutschland ist dies möglich, mittels Kampagnen auf change.org, dem Versenden von Protestbriefen/mails oder auch dem Besuch und der Vernetzung mit den bedrohten Projekten. Die Petition von Fraguas auf change.org hat bereits 63.205 Unterstützer*innen. Sie erhalten außerdem Unterstützung von ehemaligen Dorfbewohner*innen von Fraguas, die mit dem Wiederaufbau und der Neubelebung des Dorfes sympathisieren, auch weil die Besetzer*innen versprochen haben den verwucherten Dorffriedhof wieder instandzusetzen und zu pflegen.

Die verlassenen und dem Verfall preisgegebenen alten Siedlungen liegen in meist unwegsamen Gelände, deren einstige Einwohner*innen während der Franco-Diktatur in die Industriezentren des Landes gelockt oder gedrängt wurden, um das damalige Agrarland durch eine späte Industrialisierung zu »modernisieren«. In bergigen Regionen standen kleinere Dörfer auch einfach nur großen Staudamm- und Kieferwaldaufforstungsprojekten »im Weg«. Über die Jahre kam es außerdem zu forcierter Landflucht. Die Betreiber*innen der Webseite lospueblosdeshabitados.blogspot.de gehen von ca. 2500 verlassenen Dörfer aus, vor allem in den strukturschwachen Gebieten wie der Pyrenäenregion. Die Dörfer, die nicht den Megaprojekten weichen mussten, wurden als Militärübungsplätze genutzt oder einfach der Vegetation überlassen. Doch seit den 1970er Jahren wurden die inzwischen zu Ruinen verfallenen Steinhäuser wieder zum Anziehungspunkt alternativer Lebensweisen.

Durch die spürbare Wirtschaftskrise in Spanien Ende der 00er politisiert und radikalisiert, hat die ländliche okupa-Bewegung noch einmal an Fahrt aufgenommen. Zahlreiche junge Leute aus den Städten entscheiden sich dafür den Sprung in teils abgelegene Landesregionen zu wagen, um ihr Leben in die eigene Hand zu nehmen, anstatt sich den neoliberalen Sparpolitiken auszusetzen. Dort erwartet sie zunächst ein entbehrungsreiches Leben, bis die ersten Behausungen und Infrastruktur wiederaufgebaut, Gärten angelegt und know-how angeeignet wird. Trotz harter Arbeit und knapper Ressourcen gelingt es ihnen den verlassenen Orten neues Leben einzuhauchen, wobei vielen auch eine ökologische Lebensweise am Herzen liegt. Es ist kein Zufall, dass hier erneuerbarer Energien, kreatives Recycling, die Erfindung und der Einsatz von low-tech Geräten, die Verwendung ökologische Baustoffe und Ideen und Techniken der Permakultur genutzt, weiterentwickelt und anderen zugänglich gemacht werden.

Außer gelegentliche Probleme mit der Nationalpolizei Guardia Civil, die teils faschistische Züge aufweist, und kleineren Schikanen lokaler Politiker*innen gab es in den letzten Jahren wenige Räumungsversuche solch abgelegener Dörfer. Die recht jungen Dörfer Fraguas im Norden von Guadalajara, La Selba in der Pyrenäenregion Aragóns und Urniza in Navarra sind allerdings akut von der Räumung bedroht.

Weitere Informationen (leider nur auf spanisch) findet ihr hier:

Fraguas:
fraguaspobladores@gmail.com
fraguasrevive.blogspot.com

La Selba
vivalaselba.wordpress.com
twitter.com/vivalaselba
vivalaselba@gmail.com

Urniza
urnizacoletivo@gmail.com

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