Genossenschaftsmolkereien – des Bauers größter Feind?

Scharfe Kritik an der »bauernfeindlichen und existenzvernichtenden Strategie auch genossenschaftlicher Großmolkereien« übt der Landesverband Niedersachsen/Bremen der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL). Tatsächlich erweist sich die Landschaft der Genossenschaftsmolkereien aktuell als extrem differenziert. Einzelne international agierende Großkonzerne, die fälschlicherweise als Genossenschaften bezeichnet werden, beherrschen den Markt. Gleichzeitig geben kleine Milchliefergenossenschaften auf, weil sie sich infolge der Agrarpolitik nicht in der Lagen sehen, ihrem Mitgliederförderauftrag gerecht zu werden. Vereinzelt entwickeln sich aber auch neue Ansätze, die im Ökosektor mit innovativen genossenschaftlichen Konzepten experimentieren.

Burghard Flieger, Redaktion Genossenschaften

Offensichtlich gibt es in der Milchbranche das Bestreben einer Minderheit von Milchvieh-Großbetrieben, sich weitere Marktanteile zu verschaffen, indem sie die Existenzvernichtung kleinerer und mittlerer Milchviehbetriebe politisch vorantreiben. Die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) verweist dazu auf Äußerungen von Joachim Burgemeister, Molkerei-Vertreter im Genossenschaftsverband. Dieser forderte laut Dezember-Ausgabe der Zeitschrift »agrarmanager«, der Staat solle »nicht länger eine Politik betreiben, die darauf ausgerichtet sei, Betriebe mit zehn oder 15 Kühen zu retten, die auch mit 45 Cent/kg Milch nicht auskämen.«

Eine solche Ausrichtung auf Billigproduktion in immer weniger und immer größeren Betrieben wird in absehbarer Zukunft die allermeisten Milchbauern verdrängen, kritisiert die AbL. Einen Milchpreis von 45 Cent als unrealistisch und utopisch hinzustellen, sei besonders zynisch – gerade angesichts der immer noch andauernden ruinösen Milchpreise von 20 bis 30 Cent bräuchten alle Milchbauern 45 Cent und mehr zur Kostendeckung und zum Ausgleich der jahrelangen Verluste.

Forcierter Strukturwandel

Die AbL kritisierte auch Äußerungen von Albert Hortmann-Scholten, dem Marktexperten der Landwirtschaftskammer. Nach seiner Einschätzung steigen in den nächsten zehn Jahren 25 bis 35 Prozent der Milchviehhalter aus der Produktion aus. Ein Vertreter der Landwirtschaftskammer solle nicht einfach eine neoliberale Fortschreibung des forcierten Strukturwandels propagieren, sondern die anstehende Durchsetzung mengenregulierender und damit preisstützender und existenzsichernder Instrumente in seine Prognosen einbeziehen.

AbL-Vertreter Eckehard Niemann forderte Bundesagrarminister Schmidt dazu auf, seine Milchmarktpolitik nicht an den Interessen von Großmolkereien an niedrigen Erzeugerpreisen auszurichten, sondern an der Existenzsicherung von Milchbauernhöfen. Hierzu gehörten auch Programme für den Umbau von Anbinde-Ställen auf artgerechtere Laufställe mit möglichst viel Weidegang der Kühe.

Folgen der Agrarkartellierung

Die gemeinschaftliche Vermarktung in genossenschaftlichen Molkereiunternehmen hat in Deutschland eine lange Tradition. Rund zwei Drittel der national verarbeiteten Milch ist genossenschaftlich organisiert. Deutschlandweit werden mehr als 30 Millionen Tonnen Milch erzeugt und über diese verarbeitet. Einige von ihnen sind aber keine regionalen Genossenschaften, sondern in ihrer Struktur von Großkonzernen kaum noch zu unterscheiden.

Hintergrund dafür ist die in den 1930er Jahren erfolgte Umstrukturierung der deutschen Milchwirtschaft. Aufgrund der sogenannten Agrarkartellierung wurden alle milchviehhaltenden Höfe gezwungen, ihre Milch an eine bestimmte Molkerei innerhalb ihres Einzugsgebietes abzuliefern. Mit dieser Maßnahme sollte eine autarke Versorgung der deutschen Bevölkerung mit Fett und Eiweiß im eventuellen Kriegsfall sichergestellt und eine Versorgungskrise wie im Ersten Weltkrieg vermieden werden. Nebenwirkung dieser Zwangsmaßnahme war die drastische Einschränkung der Geschmacksvielfalt der Butter- und Käsesorten.

Knebelung statt Mitgliederförderung

Die genossenschaftlichen Molkereien und Meiereien erzielen aus der Verarbeitung und Vermarktung der Milch auf Bundesebene ein Umsatzvolumen von über 14 Mrd. Euro. Der Genossenschaftsverband, größter Prüfungsverband genossenschaftlicher Unternehmen schlussfolgert daraus: Sie »generieren damit für ihre Milcherzeuger eine entsprechende Wertschöpfung für einen bestmöglichen Milchauszahlungspreis.«

Tatsächlich steht bei den Genossenschaftsmolkereien aufgrund der konzernartigen Strukturen mit Auslagerung wichtiger Entscheidungen aus der Generalversammlung, die Genossenschaftlichkeit ihres Handelns extrem in Frage. Ihre Aufgabe ist die Förderung der Mitglieder, also der Milchbauern. Solange sie den Landwirten keinen kostendeckenden Milchpreis zahlen, versagen sie eindeutig hinsichtlich des genossenschaftlichen Förderprinzips. Sobald sie den Verdrängungswettbewerb zugunsten der großen Milchbauern forcieren, verstoßen sie klar gegenüber dem Solidaritätsprinzip, das eine konsequente Gleichbehandlung auch kleiner Mitglieder erfordert.

Hinzu kommt, dass den Milchbauern der Aufbau von Alternativen extrem erschwert ist. Gründe sind langfristige Verträge, 100prozentige Milchandienungspflichten und fehlende Handlungsspielräume bei den Preisen. Indem die Großgenossenschaften durch Knebelverträge den Milchbauer die Suche nach Alternativen bei der Milchanlieferung verwehren, verstoßen sie eindeutig gegen das Subsidiaritätsprinzip. Letzteres besagt, dass den Mitgliedern eine weitgehende Freiheit bei der Gestaltung und Nutzung ihrer Milch möglich sein muss.

Kleine Milchliefergenossenschaften schließen

Die Entwicklung der Molkereigenossenschaften verläuft allerdings in unterschiedliche Richtungen. Beispielsweise gab es im Schongauer Land in Bayern ursprünglich 68 örtliche Milchliefergenossenschaften. Inzwischen sind es noch 41, von denen einige wegen der geringen Mitgliederzahl kaum überlebensfähig sind. Die Folge: Immer mehr von ihnen stellen ihre Mitglieder von der Milchandienungspflicht frei, damit sie zu anderen Verarbeitungsbetrieben wechseln können.

Diese Umstrukturierung wurde notwendig, weil die Zahl der Milchlieferanten in den vergangenen Jahren ständig abgenommen hat, von einst fast 1.700 auf mittlerweile knapp 800. Viele der Kleingenossenschaften können deshalb die Kosten des Betriebs nicht mehr tragen wie die Ausgaben für die Erstellung und Prüfung von Bilanzen, die notariellen Eintragungen ins Registergericht, die Verbandsbeiträge und Kosten für Satzungsänderungen. Diese Ausgaben stehen oft in keinem Verhältnis mehr zur Mitgliederzahl.

Markdominanz durch Deutsches Milchkontor

Auf der anderen Seite der Entwicklung steht Deutschlands größte Molkereigenossenschaft Deutsches Milchkontor (DMK). Sie entstand durch Fusion der beiden genossenschaftlich organisierten norddeutschen Unternehmen Humana Milchunion und Nordmilch, die schon bis dahin die größten deutschen Milchverarbeiter waren. Noch im Mai 2016 appellierte das Unternehmen an die Politik, angesichts der Milchpreiskrise nicht in die Freiheit des Marktes einzugreifen. Die rund 9.000 genossenschaftlich organisierten DMK-Bauern hätten laut DMK-Sprecher Hermann Cordes bereits als Reaktion auf den anhaltenden Preissturz an den internationalen Milchmärkten ihre Milchmenge »aus eigenem Antrieb« heruntergefahren.

Von so manchem Milcherzeuger wird allerdings kritisiert, dass durch die Marktmacht des Unternehmens - 6,7 Milliarden Kilogramm Milch - für viele Milcherzeuger keine Vermarktungsalternativen vorhanden sind. Sie werden in Form eines Basis-Preis für jeden Liter angelieferter Milch bezahlt. Der Betrag wird monatlich festgelegt. Einzelne Genossenschaften teilen die Preise ihren Bauern »sogar« einen Monat im Voraus mit, damit sie planen können. Die Kündigungsfristen von mindestens zwei Jahren und die Milchandienungspflichten lassen ein kurzfristiges reagieren auf zu niedrige Auszahlungspreise nicht zu. Der Grundpreis für Milch mit 4 Prozent Fett und 3,4 Prozent Eiweiß fiel teilweise unter 20 Cent. Als kostendeckend gelten mindestens 35 Cent.

Gemeinschaftliche Eigeninitiativen gefragt

Entsprechend ist in Schleswig-Holstein jeder sechste Milchhof existenziell bedroht. Einige Milchbauer ziehen Konsequenzen. So auch Jörg Hauschildt, der über 20 Jahre seinen 90-Hektar-Hof in Quarnstedt im Kreis Segeberg kontinuierlich optimiert, intensiviert und ausgebaut hat. So konnte er die Milchleistung seiner Herde fast vervierfachen. Trotzdem ging es ihm schlechter als vor 20 Jahren. Deshalb kündigte Hauschildt den Liefervertrag mit dem Deutschen Milchkontor und wechselte zu der kleinen Meierei Horst.

Diese Meierei in Kreis Steinburg stand im Frühjahr 2014 vor dem Aus: Immer mehr Landwirte waren zu den großen Meiereien abgewandert. Die Meierei konnte nur gerettet werden, weil ein paar Biobauern investierten. Unter dem Namen Öko-Melkburen warben sie bei Bürgern und Unternehmen dafür, Genossenschaftsanteile zu kaufen. Sie wollten die Meierei erhalten, aber auch Menschen bewegen, wieder mitzubestimmen, was und wie in ihrer Region produziert wird, so das Anliegen von Achim Bock, Öko-Melkbur und einer der Vorstände.

Neue traditionelle Produktqualitäten

Die kleine traditionelle genossenschaftliche Meierei ist bereits 125 Jahre alt, hat sich aber neu aufgestellt. Sie arbeitet mit elf Mitarbeitern. Wichtiges Produkt ist die 4-Jahreszeiten-Milch, ein zertifiziertes Bioland-Produkt: Schonende Verarbeitung der Rohmilch aus der Region zu traditionellen, qualitativ hochwertigen Produkten für die Region. So füllt Horst als einzige Meierei im Land noch tagesfrische Milch ab, produziert zeitaufwändig Sauerrahmbutter und Buttermilch und demnächst auch Salzbutter. Dafür müssen die Lieferanten die Kühe im Sommerhalbjahr auf der Weide haben. Denn dann enthält die Milch nachweislich die essentiellen Omega-3-Fettsäuren.

Weitere Bedingungen für alle Milch-Lieferanten: Grassilage und maximal 30 Prozent Mais als Winterfutter, keine Gentechnik beim Futter, keine vorsorgliche Gabe von Antibiotika. Im Gegenzug erhalten die Landwirte in Horst 30 Cent pro Liter Milch und mittelfristig 40 Cent. Im Vergleich: Aktuell bekommen Bauern im Schnitt 24,9 Cent – vor einem Jahr waren es 28,4 Cent. Auch 30 Cent sind noch nicht kostendeckend, aber der Ansatz der regionalen Produktion und Vermarktung könnte sich als erheblich zukunftsträchtiger erweisen.

Chancen durch Prosumentenkooperation

Die Organisation ist ebenfalls ungewöhnlich: Sie ist die erste Meierei als Erzeuger- und Konsumgenossenschaft, an der sich Konsumenten direkt beteiligen können, um den Erhalt ihrer regionalen frischen Milch zu sichern. Die Genossenschaft hat mittlerweile rund 200 Mitglieder. 1.000 sollen es werden. Die Geschäftsführerin Tatjana Tegel erklärt dazu: »Wir haben uns alle voneinander entfernt – der Verbraucher von den Landwirten, die Landwirte von den Tieren.« Die Meierei Horst ist die erste Molkereigenossenschaft, die versucht durch die Prosumentenidee, bessere Lebensmittelqualität und mehr Miteinander von Produzenten und Konsumenten nachhaltig zu organisieren (www.meierei-horst-eg.de).

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