Politisch bewegt durch das Elbsandsteingebirge

Contraste-Redakteur Johannes Dietrich wohnt seit 2015 in der Sächsischen Schweiz. Er ist erstaunt von der Vielzahl an selbstorganisierten, alternativen Strukturen in der Region. Zuletzt ist er auf die »Schwarz-Roten Bergsteiger_innen« (SRB) gestoßen und hat einige Akteur_innen befragt, was sie genau machen.

Hallo Wolf, Daniel, Marina ihr seid die »Schwarz-Roten Bergsteiger_innen« (SRB), eine AG der Freien Arbeiter_innen Union (FAU). Welche Ideen verbinden Euch mit der FAU und dem Anarchosyndikalismus?

Wolf: Nun ja anarchosyndikalistische Gewerkschaften ticken ja in vielem ein wenig anders, als wir das gemeinhin von deutschen Gewerkschaften kennen. Einerseits lehnen sie die Trennung von ökonomischer und politischer Sphäre ab, genauso wie das Theater in den Parlamenten. Politische Fragen sollen in den Gewerkschaften basisdemokratisch, wenn nicht am besten konsensual diskutiert und entschieden werden und durch direkte Aktionen, wie Streiks oder den Aufbau eigener Strukturen durchgesetzt werden. Das schließt in diesem Verständnis dann nicht nur den Job selbst ein, wie sonst meist in den Zentralgewerkschaften, sondern eben auch die Zeit, die wir brauchen uns zu erholen, oder uns weiterzubilden. Mit den SRB nehmen wir den Aufbau von Sport- und Urlaubsmöglichkeiten selbst in die Hand und machen diesen »Luxus« auch für Prekäre greifbar. Gleichzeitig thematisieren wir mit unseren Bildungsangeboten, warum wirtschaftliche Ungerechtigkeit, Sexismus und Berufsbelastung überhaupt bestehen und diskutieren mit Menschen, wie wir diesen gesellschaftlichen Zustand überwinden könnten.

Marina: Schließlich kommen wir auch in viele Dörfer und Landstriche, in die sich linke Gruppen sonst selten verirren und übernehmen dort durch Diskussionen oder Briefkasteneinwürfe die Aufgabe, anarchistische Analysen und Gegenkonzepte überhaupt erstmal bekannt zu machen. Mittlerweile versuchen wir auch mehr und mehr alternative Menschen in der Region zu vernetzen und sich sozial, kulturell und politisch zu unterstützen.

Wolf: Die Theorien und Ansätze die uns dabei einen sind jene des Anarchosyndikalismus. Die FAU als Struktur unterstützt uns dabei durch Bewerbung, Geld und in Form vieler solidarischer Genoss_innen personell. Wir stellen dafür Räume und Angebote für die FAU zur Verfügung.

Was macht ihr im Rahmen der Gruppe?

Daniel: Zum einen stellen wir Übernachtungsplätze im Elbsandsteingebirge bereit, die für Tagungen oder Urlaub von linken Zusammenhängen genutzt werden können. Aktuell arbeiten wir daran, die Übernachtungskapazitäten auszuweiten. Inhaltlich beschäftigen wir uns mit Themen wie aktuelle Nazistrukturen im Elbsandsteingebirge, Naturschutz und geschichtliche Aufarbeitung in der Region, vor allem bezüglich der NS-Zeit. Zu verschiedenen Themen stellen wir auch Wanderungen zusammen, die wir Interessierten anbieten. Im Rahmen dieser Wanderungen bieten wir regelmäßig Wanderseminare an. Außerdem führen wir eigene Gedenkaktionen durch.

Marina: Daneben koordinieren wir für die FAU die Organisation und Teilnahme an Aktionen in der Region, zum Beispiel Gegenmobilisierungen bei Demos von NPD und AFD oder die Betreuung von Mitgliedern und Interessierten in der Region. Wir wollen unabhängige FAU-Strukturen in der Region befördern und arbeiten auch deshalb auf ein libertäres Zentrum hin.

Daniel: Und natürlich gehen wir auch einfach mal so Wandern oder Klettern.

Ihr habt die Kampagne zu libertären Zentren auf dem Land erwähnt. Was wollt ihr damit erreichen und wie setzt ihr das konkret um?

Wolf: Wir würden gerne zu einem Gelände kommen, das Platz für verschiedenste Bedürfnisse bietet. Das umfasst zum einen unsere Arbeit mit Gästen, das heißt weiterhin Unterbringung von größeren Gruppen zu ermöglichen. Zum anderen sollten die Räumlichkeiten Diskussions- und Kulturveranstaltungen dienen, die sich an Menschen in der Region richten. Daran angeschlossen wünschen sich einige von uns ein unabhängiges Wohnprojekt. Aktuell sind wir beständig auf der Suche nach Spenden und weiteren Mitstreiter_innen (Gruppen und Einzelpersonen) die dieses Projekt verbindlich aufbauen wollen. Das Gelände würde dann vermutlich zusammen mit dem Mietshäusersyndikat gekauft werden. Zur Zeit backen wir jedoch kleine Brötchen auf einem gepachteten Gelände, mit empfindlichen Einschränkungen, wie der, das Gelände nicht öffentlich bewerben zu können.

Marina: Daneben haben wir auch theoretisch zum Thema gearbeitet und bieten Austausch und Vorträge für andere Gruppen an.

An wen richten sich eure Weiterbildungs- und Gedenkangebote? Was bietet ihr 2017 an?

Daniel: Dieses Jahr haben wir bereits eine kleine Aktion am Tag der Opfer des Faschismus gemacht, dabei wurde ein Felsen bestiegen, der als Wachposten für das KZ Außenlager in Porschdorf genutzt wurde, über das KZ informiert und den Opfern gedacht. Am 8. Mai wollen wir den Friedensturm besteigen, der am 8. Mai 1945 erstbestiegen wurde, von zwei Leuten die sich in den letzten Kriegswochen in einer nahe gelegenen Boofe versteckt hatten, um der Einziehung zur Wehrmacht zu entgehen. Im Sommer wird es auch wieder ein großes Wanderseminar geben, dabei werden wir eine Woche lang auf Wanderungen Orte der NS-Verbrechen aber auch Orte des Wiederstandes aufsuchen und darüber informieren.

Marina: Prinzipiell richten sich unsere Angebote an Gruppen über 8 Personen und ab 14 Jahren. Die Angebote umfassen eigentlich die gesamte Palette von Themen, mit denen wir uns beschäftigen, mit der Einführung in den Naturraum Elbsandsteingebirge, Antifaschismus, Gedenkarbeit zu Widerstand, frühen und späten KZs in der Region, geschichtliche Auseinandersetzung mit der Weimarer Republik, Kletterethik und politische Bergsporthistorie der Region, aber eben auch Workshops und Weiterbildung zu aktueller Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit. Wir erstellen aktuell einen ersten Katalog unserer Bildungsangebote. Mensch kann aber auch gerne direkt bei uns anfragen, wenn es Zeit und Kompetenzen erlauben, arbeiten wir auch gerne einmal etwa aus. Auch sonst schauen wir bei Gruppen eigentlich immer, wo die Bedürfnisse liegen und passen unsere Angebote modular an.

Wenn Leute jetzt Feuer gefangen haben, mehr wissen oder bei euch mitmachen wollen, wie kann mensch euch dann erreichen?

akfreizeit@riseup.net

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